XII. Jahrgang 15. Juni 1916 Nummer 24
Exzellenz,
es ist ein geschichtliches Vorrecht des Publizisten,
sich in einer Gewissensangelegenheit der Allgemeinheit an eine
öffentliche Person zu wenden, ohne zu diesem Anspruch eine
konventionelle Berechtigung zu besitzen. Aber es gibt einen
Augenblick, es gibt eine Situation, wo das Odium des lästi
=
gen Besuchers geringer wiegt als das Gefühl, den Beruf des
öffentlichen Sprechers durch Schweigen entwertet zu haben.
Die Militärgewalt hat die Aussprache über die Frie
=
densziele verboten. So ist ein dichter Schleier über Aller
Augen gebreitet: die Meinungen über die Grundlagen des
Friedens sind so vielfältig wie die Charaktere und Tempe
=
ramente, die in persönlicher Färbung auf die Ereignisse des
Krieges antworten. Als Satz von höherer Bedeutung gilt allein
die etwas verbrauchte Phrase von der Notwendigkeit, für
die Erhaltung des Deutschen Reiches zu kämpfen. Das ist
eine so enge oder so weite Vorstellung, wie der Blick des Ein
=
zelnen Reichweite hat. Es ist mehr ein kräftiger Aufruf tief
verwurzelter Gefühle: aber ein Volk darf nicht nur fühlen,
warum es Opfer von tragischem Ausmaß bringt — es hat
einen Anspruch, es wissen zu dürfen! Wissen nun heißt Be
=
greifen, Stellung nehmen, sich zu einer Einsicht kritisch verhal
=
ten, auf eine Forderung mit dem ganzen Lebensgefühl und
der ganzen Willenstendenz eines Daseins antworten. Die
Möglichkeiten eines solchen Verhaltens bereit zu stellen, scheint
mir eine Eurer Exzellenz würdige Aufgabe: denn — es muß
ein Ziel erschaut werden können; in endlose Nacht hinein
kämpft nur der Blinde unerschöpft.
Die Diskussion der Kriegsziele ist noch verboten. Geboten
aber ist, zu diesem Kriege als ernsteste Pflicht die Aufgabe
hinzuzudenken, die seit mehr als zwei Jahrhunderten der
europäischen Menschheit heiligste Angelegenheit ist: das Ende
der Kriege überhaupt. Jedes mögliche Kriegsziel erhält von
diesem Satz aus erst seinen Sinn und seinen Wert. Die Re
=
sultate, zu denen sich dieser Kampf reinigen wird, müssen
eine genaue Antwort auf die Frage bilden, wie für absehbare
Zukunft jeder Stachel und Anreiz zum Kampf innerhalb des
sichtbaren Kulturkreises auszuschalten ist. Phantastische Nar
=
ren und üble Kraftnaturen, die den Krieg als notwendige
biologische Regeneration der Rasse feiern, werden Jhnen,
Exzellenz, nicht weniger unsympathisch und albern erscheinen
als jedem Angehörigen des Volkes, das Eure Exzellenz vor der
Welt vertritt. Der politische Kurs der Kriegszeit, soweit er von
der Einflußsphäre Eurer Exzellenz bestimmt ist, gibt zu der
Vermutung Anlaß, daß die deutsche Regierung an einen dau
=
ernden Frieden allein auf der Grundlage überlegener Militanz
nicht glaubt. Eisengepanzert und nur um stärkere Wehr be
=
sorgt, mit einem Grenzschutz belastet, dem keine innere, nur
militärische Notwendigkeit entspricht, ist das Leben eines
großen Staates ein permanenter Notstand. Ein Friedens
=
schluß, der nicht eine Sphäre der Zufriedenheit unter den krieg
=
führenden Völkern erzeugt, bedeutet nur einen Wechsel der
Kampfmethoden, nicht ein Ende des Kampfes. Flammt nach
diesem Kriege ein Handelskrieg auf, so wird die Kulturwelt
das unwürdige Schauspiel konkurrierender Warenhäuser bieten,
die der Weltpolitik das Format einer Handelsstube aufprägen.
Deutschlands hochentwickelte Jndustrie verbraucht gewaltige
Massen fremdgewonnener Grundstoffe: tritt in ihrer Einfuhr
eine Erschwerung ein, so wird der Rückschlag auf die deut
=
sche Valuta um so empfindlicher werden, als das gewaltige im
Kriege ersparte und gewachsene Kapital im Frieden zum
großen Teil an die grundstoffgewinnenden Länder gehen wird
— und es mag wohl einige Zeit der Depression dauern, bis
der Geldumschlag für das verarbeitete Fabrikat sich vollzogen
hat. Alle Staaten werden sich nach diesem Blutverlust im Zu
=
stande der Rekonvalenszenz befinden: mögen der Reiche ver
=
antwortliche Leiter für ihre Gesundung sorgen! Ein Friede
wird nur dann Friede bedeuten, wenn die Welt entgiftet ist.
Die Geschichte wird Eurer Exzellenz ihren Dank aussprechen,
daß Sie Deutschlands öffentliches Leben von den abscheulich
=
sten Verwesungsstoffen des Völkerhasses frei gehalten haben.
Wenn Tapferkeit und Würde des Feindes verletzt wurde: so
geschah es in den Niederungen der Witzblattpresse. Es gibt
keinen Grund zu der Meinung, daß die kaiserliche Regierung
einen deutschen Frieden mehr als einen Weltfrieden ersehnt.
Zweimal ward in der deutschen Note an Amerika von
deutscher Friedensbereitschaft gesprochen. Aber das Ohr der
feindlichen Völker wird nur dann die Stimme Eurer Exzellenz
vernehmen, wenn die Bedingungen klar und unverwischbar, be
=
stimmt und einleuchtend formuliert dargeboten werden. Ein
Friede ist nur möglich, wenn die von Kriegswirren zerfetzte
Welt weiß, was ein Kämpfer von dem andern will. Es ist
vielleicht eine zu schwere Bürde des Einzelnen, für ein
ganzes großes Volk die Bedingungen des Friedens zu erden
=
ken: und es würde vielleicht Mißverständnissen begegnen, wenn
eine amtliche Jnstanz sie ausspräche. Um dieses Dilemma ab
=
zukürzen, muß an Eure Exzellenz die Bitte gerichtet werden,
das Volk im weitesten Ausmaße aussprechen zu lassen, was
es als gerechtes Resultat des Weltbrandes erhofft. Aus Wider
=
sprüchen neutralisiert sich das Rechte. Nur aus einer allge
=
meinen Erörterung der Kriegsziele kann die Stimme des Vol
=
kes hörbar werden.
Die militärische Energie würde hierdurch nicht geschwächt
werden. Wohl aber wäre es etwas Großes und Starkes, wenn
ein Volk frei erklärte, um welcher Jdee willen es diesen Krieg
führt, warum das Schwert noch nicht die Scheide findet. Dann
wird hinter den Kämpfenden ein mächtiger Wille stehen, der
überpersönliche Wille der Nation, den als entscheidende Macht
anzuerkennen unsre ernsteste Pflicht ist.
Macht ist gewiß ein sehr wünschenswerter Zustand; solange
sie aber die Tendenz zeigt, dem Geist über den Kopf zu
wachsen, wird es gute Deutsche geben, denen manches andre
mehr am Herzen liegt als ein starkes Deutschland.
„Wirtschaftliche und politische Macht ist die Grundlage
und Voraussetzung, auf der, wenn sie gesichert ist, eure geistige
Kultur erwachsen mag.“ Recht schön, leider nur kommt man
mit dieser Sicherung und Ausbetonierung der Grundlage nie
zur Ruhe. Das ist ein rastloses Sorgen und Mühen um die
Basis. Stören die Nachbarn nicht die emsige Arbeit, so kommt
sie doch, in ihrer ewigen Sorge um Mehrung und Erhaltung,
niemals zu Ziel und Ende. Und was ihr Grundlage und
Mittel nennt, ist heimlich längst Ziel und Endzweck geworden,
der alle Kräfte absorbiert.
Jn vielhundertjähriger Unwandelbarkeit hat Geist die
Erfahrung gemacht, daß es ihm nicht schlechter geht, wenn
Macht zerbröckelt, und nicht besser, wenn sie sich kraftvoll em
=
porreckt. Man verwechsle doch Geist, obwohl er ein Luxus ist,
nicht mit Luxus; der allerdings profitiert vom gesicherten
Wohlstand, an dessen Tafel er sitzt. Geist will und kann
von niemand und nichts profitieren. Seine Zeit kommt nie,
weil sie immer da ist. Geist ist unabhängig von Macht. Er
hat in der Welt immer den gleichen Raum, nämlich eine Nuß
=
schale, und der genügt ihm. Wenn die Macht sagt, daß sie
dem Geist die angenehme Grundlage zu seiner Entfaltung
bereite, so ist das (abgesehen von der Lüge, da doch die Macht,
ewig unvollendet, alle Kräfte und Jnteressen bindet) eine
protzenhafte Ueberheblichkeit, eine parvenühafte Verwechslung
von Geist und Comfort, Geist und Amüsement, Geist und
Luxus. Die Macht lebt in dem Dünkel, daß sie sich, ein wenig
gesättigt und in ihrer Rastlosigkeit pausierend, Geist leisten
könne und nur zu winken brauche, und schon ist er da. Aber
Geist ist nicht Vergnügen nach Geschäftsschluß, ist nicht das
Schoßhündchen des Reichtums, ist nicht eine vom Raumkünstler
fertig bezogene Jnneneinrichtung. Von dieser Art ist nur
der Geist, den die emporgekommene und gesicherte Macht gön
=
nerhaft fördert. Die Umkehrung, daß sich der Geist in Zeiten
politischer Jndifferenz und sinkender Macht wohler befindet,
verdient reichlich Skepsis, obwohl die deutsche Geistesgeschichte
ein bequem zu zitierendes Beispiel für diese Anschauung ab
=
gibt. Echter Geist ist etwas viel zu Souveränes, um äußern
Bedingungen untertan zu sein. Er bleibt sich durch alle Zeiten
und Zustände gleich. Er weiß Bescheid um die Dinge, kennt
seine Zwischen=den=Puffern=Stellung im Wirtschaftskampf=Ge
=
triebe der Menschheit, weiß, daß ihm dieses Wissen etwas
Abseitiges, Schatten= und Geisteshaftes, Unirdisch=Kampfloses
verleiht; und das gräbt ihm diese harten, abweisenden, un
=
endlich strengen, unendlich stolzen Züge in sein sonst heiteres
Antlitz.
Es könnte geschehen, daß eines Tages das prachtvoll stolze
Gebäude mit allem Comfort der neuen Zeit, daß das neue,
größere Deutschland endlich fix und fertig dasteht, und man
ruft den Geist: „Bitte, treten Sie ein“ — und dann ist er
nicht da.
Geist ist die in sich ruhende Genügsamkeit — Macht der
ewige rastlose Drang nach außen; Geist ist die Kraft der
irdischen Schwäche, der Gedrücktheit, der Unsicherheit, des Ent
=
ferntseins vom betriebsamen Wirrwarr — Macht ist robuste
Naivität, Befangensein im Jrdischen, derbes kräftiges Beha
=
gen mittendrin im Getriebe, ohne Aufblick, ohne Blick auf sich
selbst und über sich hinaus auf etwas Fremdes, auf das
Andersartige. Geist ist die wissende Demut, fähig, sich
vor einer simplen Eisenkonstruktion in heimlicher Bewunde
=
rung weinend zu beugen.
I
Häuser, abgeschloßne, in brausender Welt!
Himmel sitzt euch am Dach, Sommersonne brütet,
Winters tragt ihr Mützen von Schnee, Flockenmantel euch hütet.
Um eure Füße aber hastet die Jagd nach Geld.
Stuben sind euch eingebaut so wie Waben.
Menschen wohnen darin, die sich zu eng gehören,
alle wollen ihr Glück und müssen das fremde zerstören.
Jhr aber wißt der Mädchen Weinen und Traum, das Sehnen der
Knaben.
Wißt die bösen verschütteten Herzen der Eheleute,
Wißt der Geschwängerten Schmach, Qual der Knaben in Dirnenbetten,
wißt der Lauten Erschlaffen, der Stillen heimliche Metten,
wißt den Schrei der Verbrecher nachts und die Wonne der Bräute.
Söhne wachsen und wollen sich stolz befrein,
aber Mauern sind ringsum, und sie sind gehalten
uentrinnbar von fremdem Gefühl und Gewalten.
Krankheiten, Kummer, Schwäche, Verrat und Haß und machen sie klein.
Leichenwagen stehn dann befremdend vor euren Türen,
denn aus geöffnetem Fenster quillt Klavier und Frühlinggesang.
Gleichzeitig bergt ihr der Wöchnerin rotes Kreissen, Kinder im
Elternzank.
Und das Wirtshaus, aus dem sie den trunkenen Raufbold führen.
II
Seltsam ist das Haschespiel der Brüder Tod und Leben
fliehen sich stets, die doch eng zusammengelegt,
und sie finden sich erst, da sich der einsame Dichter zerschlägt
um im Wort über dem Chaos zu schweben.
Göttlich ist nur die Stunde, da der Mensch aufbricht,
Tastehand, die Hand und Wort die Herzen findet!
Sehend wird im Gespräch, der lang erblindet,
und die Stummen verstehn sich und —strahlen, fromm und licht.
Gut ist, der mit dem andern sich freut oder weint,
Sphärenmusik hebt ihn auf, und er schwebt sanft getragen,
Mond, den er lange vergaß, sieht er leuchten und Bäume ragen,
zart schmilzt der Liebenden Scham, und es schwärmt der Freund mit
dem Freund.
Ewig leuchtet die Stunde in alle Qual,
da uns Bücher empfingen wie Arme, Feste und Lieder.
Machtlos senkt der Böse Verwirrung auf Babel nieder,
Haß, Verzweiflung, den Tanz um den roten Baal.
Also dann einmal, ohne Einleitung und Umwege, das Pro
=
blem beim Schopf gefaßt! Gibt es ein Merkmal und Kri
=
terium der zulänglichen künstlerischen Kraft — außer dem
Erfolg?
Ueberlegenes Lächeln. Das Werk, mein Lieber, das
Werk entscheidet, und nicht der Erfolg.
Vielen Dank! Aber gibt es ein Merkmal und Kriterium
der künstlerischen Zulänglichkeit des Werkes — außer dem
Erfolg?
Neues Lächeln. Grade der Erfolg, bekanntermaßen —
Jch weiß, ich weiß! Es gibt Werke, die Erfolg hatten,
Massenerfolg, Sensationserfolg, und doch Meisterwerke waren
und klassisch wurden, und es gibt Werke, um die sich kein Mensch
kümmern wollte, die vergessen sind oder nie bekannt waren,
und die dennoch nichts taugen. Erfolg entscheidet nicht, sagt
man. Was heißt das? Es heißt, daß die erste Aufnahme
nicht die künftige Wirkung voraussagt; daß der Spruch der
ersten Generation nicht der einer zweiten zu sein braucht.
Aber auch die Schätzung der ersten bis zehnten Generation
braucht nicht von der elften bis zwanzigsten bestätigt zu wer
=
den, noch deren Spruch von der einundzwanzigsten bis dreißig
=
sten. Das ganze Mittelalter hindurch wurde Vergil über
Homer gestellt, Rembrandts Ruhm ruhte hundert Jahre lang,
Shakespeare galt noch Friedrich dem Großen für einen ge
=
schmacklosen Barbaren, und das Nibelungenlied mußte im
neunzehnten Jahrhundert neu entdeckt werden. Wer ist
größer: Homer oder Vergil? Wer hat über Shakespeare
Recht, Goethe oder Friedrich? Der hat Recht, dem wir Recht
geben. Schön! Dann sind wir die eigentlich entscheidende
Jnstanz, der letzte Richter in der Welt, und alles künstlerische
Schaffen hat und hatte von jeher nur den Sinn, von uns,
grade von uns gewürdigt zu werden!
Nehmen wir das ruhig an, setzen wir uns selbst, oder
— da wir unter einander ja wieder nicht übereinstimmen —
setze jeder sich selbst zum Maß aller künstlerischen Dinge,
und glauben wir demnach, daß wenigstens das Werk seine
endgültige und gerechte Schätzung finde, so entsteht nun erst
das eigentliche Problem: Grade das Werk, das Zustandekom
=
men der echten und vollgültigen Leistung ist ein Erfolg, und
die Beurteilung nach der Leistung heißt Beurteilung nach dem
Erfolg!
Wie denn! Soll man sich einreden lassen, daß es große
Männer gibt, die nur nicht zu ihrer Leistung gekommen sind?
Ei, das wäre ja!
Nun, man rührt nicht gern an diese Frage. Es gehört
zu den beliebtesten Gemeinplätzen und =sätzen: das Genie
dringe schon durch. „Schon“! Zugegeben, daß einem nicht
zu trauen ist, der herumläuft und beteuert, er würde das
Große leisten, wenn ... Vielleicht hat er Recht; es ist nicht
auszumachen. Aber man sollte doch nicht so ganz Geständnisse
von Leuten überhören, die Großes geschaffen haben, sich dessen
sehr bewußt sind und dennoch, gegen ihr Jnteresse, laut be
=
kennen, daß sie es nicht geleistet hätten, wenn nicht ... Scho
=
penhauer war und blieb überzeugt, daß er ohne das Vermögen,
das ihm sein Vater hinterlassen, und das ihn der Notwendig
=
keit überhob, um Brot zu dienen, der Philosoph nicht geworden
wäre, der er nach seinem Urteil war. Nietzsche verkündet,
daß erst eine Krankheit ihn aus seinem bürgerlichen, höchst
ehrenvollen Beruf werfen mußte, damit er zu sich selbst und zu
seinem Werke kam; er gibt auch zu verstehen, daß er ohne den
Zwang der Krankheit, aus sich heraus, nicht die Kraft gefunden
haben würde, seine Existenz katastrophal mitten durchzu
=
brechen. Gehört also nicht zu den guten Genien, die den
‚Zarathustra‘ schaffen halfen, auch die Bagatelle von Staats
=
pension, die die Stadt Basel ihrem Universitätsprofessor aus
=
setzte, sodaß er fortan die Möglichkeit besaß, wenn auch be
=
scheiden, zu leben, wo es ihm gefiel, und zu treiben, was ihm
Spaß machte? Niemand wird gerne zugeben, daß ohne dieses
bißchen Geld der ‚Zarathustra‘ ungeschrieben, wohl gar unge
=
dacht geblieben wäre. Dennoch könnte es der Fall sein; be
=
weisen läßt es sich nicht. Wie steht es mit Grillparzer? Uns
genügt sein Lebenswerk, ihm genügte es nicht. Er vertraute
seinem Tagebuch an, daß er, aus Gründen, die mit seiner Be
=
gabung nichts zu tun hatten, nicht geleistet habe, was er hätte
leisten können. So fühlte er und litt alle Martern des ver
=
fehlten Lebens, als Einer, der „mit seiner eignen Leiche gehn“
mußte. Es lag an ihm, es fehlte am Willen, behaupten
Meier und Müller, die Unentwegten. Was heißt das? Es gibt
Begabungen, die durch äußere Widerstände nicht gehemmt,
sondern beflügelt werden. Vielleicht war das Kleists Fall, der
als Künstler zu den Glücklichen und Erfolgreichen gehört. Es
gibt wieder Begabungen, die durch äußere Ungunst gebrochen
werden. Ob Goethes Genie die Höllenprobe eines schweren
Lebens, eines Kampfes mit der Notdurft ausgehalten hätte?
Die Mystiker der Genialität mögen sich über die Frage ent
=
rüsten; beweisen läßt sich nichts.
Beweisen läßt sich deswegen garnichts, weil das Experi
=
ment nicht zu machen ist. Könnte man nur ein einziges Mal
genau denselben Menschen unter verschiedenen Bedingungen
aufwachsen lassen, so wüßte man Bescheid. Jnzwischen bleibt
nur die dürre Ueberlegung, daß der Neugeborene mit seinen
Anlagen ein Keim ist, dessen Entwicklung, außer von den
geheimnisvoll in ihm selbst ruhenden Kräften, auch von
Boden, Klima und so weiter abhängt. Die vollere Aehre
kann aus dem schwächern Saatkorn wachsen, wenn es den
fettern Humus oder das fruchtbare Jahr für sich hat. Das
Prachtexemplar einer Edeltanne, an Größe, Alter, Schlank
=
heit, Schönheit den Wald überragend, wird erst erreicht, wenn
zufällig der erlesene Schößling den besten Grund, das beste
Klima, dazu Raum und Licht findet und endlich von hemmen
=
den äußern Einflüssen, gewaltsamen Beschädigungen, von
Krankheiten und Schmarotzern verschont bleibt.
Man darf einwenden, daß der Mensch nicht nur ein
Keim ist, sondern einen Willen hat, um das Schicksal zu lenken.
Aber wieviel vermag der Wille über ein widerspänstiges Schick
=
sal? Hundert Beispiele von solchen, die ihr Leben zwangen,
beweisen nichts; denn wie sich Verdienst und Glück verketten,
bleibt ewig undurchschaubar. Die Gegenbeispiele aber sind
begreiflicher Weise nicht zu fassen. Wedekinds Kammersänger
doziert, es sei, bevor man ihn entdeckte, sein Beruf gewesen,
Tapeten an die Wände zu kleistern; wenn er sich nun in dieser
Lage in den Kopf gesetzt hätte, Opernsänger zu werden, ob
man ihn nicht ins Jrrenhaus gesperrt haben würde? Sehr
wahrscheinlich.
Merken wir uns jedenfalls, und predigen wir es allen,
die es hören wollen — vielmehr allen, die es nicht hören
wollen daß sogar das Genie nicht nur geboren wird.
Bleiben noch die subjektiven Merkmale der Kraft. Braucht
man die? Künstler behaupten, daß sie „müssen“. Wenn du
nicht mußt, so laß es; du wirst dir nützen und der Welt nicht
schaden. Wenn du aber mußt, so wirst du dichten, malen, musi
=
zieren, auch wenn man dir beweist, daß es nicht reicht.
Es scheint in der Tat zweifelhaft, ob Künstler, das heißt:
Leute, die „müssen“, das Bedürfnis empfinden können, über
sich selbst klar zu sehen. Möglich, daß es dergleichen nicht
gibt. Jmmerhin ist da in der deutschen Literaturgeschichte
der Fall des Leisewitz, der mit seinem ‚Julius von Tarent‘
eine Talentprobe gab, die hinreichte, seinen Namen bis heute
lebendig zu erhalten, der aber dem Dichten entsagte, als er
mit diesem seinem Jugend= und Hauptwerk in einer Dramen
=
konkurrenz gegen Klingers ‚Zwillinge‘ unterlag. Das geschah
freilich zu einer Zeit, als man noch Entschlüsse fürs Leben
faßte und sie dann auch hielt, was heutzutage selbst in Roma
=
nen nicht mehr vorkommt. Gesetzt aber, die Prüfung der
subjektiven Kennzeichen zureichender produktiver Kraft hätte
nur theoretisches Jnteresse, so ist doch auch die Theorie dem
Kenner und Psychologen nicht ohne Wert.
Es dreht sich eigentlich nur um die Frage, ob eben jener
sogenannte Zwang des Schaffens etwas beweist. Jch glaube,
daß man den Zwang empfinden und doch ein Dilettant sein
kann. Es fragt sich nämlich: Was zwingt ihn? Die Kraft
des Schauens? Die Gülle innern Lebens? Oder das Beispiel
und Vorbild Anderer und der Wunsch, die gleichen Ehren ein
=
zuheimsen? Obwohl hinwiederum der Ehrgeiz zu den legitimen
Antrieben des Genius gehört. „Das Schicksal versagt mir den
Ruhm, das höchste der Güter der Erde. Jch werfe ihr wie ein
eigensinniges Kind alles übrige vor die Füße“: so schrieb Kleist
in seinem fünfunddreißigsten Jahre und tat danach.
Vom Dilettanten bis zum Genie gibt es freilich viele
Stufen. Genug, ich halte es für möglich, und es scheint mir
durch manche literarische Don=Quixote=Gestalt bestätigt, daß
der Zwang des Produzierens, ja, der bis zur Selbstvernich
=
tung unwiderstehliche Drang des Schaffens kein Beweis des
Könnens ist. Das würde denn freilich zu den unverantwort
=
lichen Grausamkeiten des Lebens zu zählen sein.
Vielleicht ist der Zweifel schon eher ein Zeichen der Kraft.
Vermutlich zweifelt der Dilettant und Stümper nicht an sich;
während Kleist seine „halben Talente“ verfluchte. Allein wie
soll der Zweifel am Können eine Bestätigung des Könnens
sein? Das ist logischer Unsinn.
Die Amerikaner haben sich eine Methode ausgedacht um
die Leistungsfähigkeit der Arbeiter in ihren Großbetrieben
vor der Leistung festzustellen und ihnen danach ihre Aufgabe
zuzuteilen; vor der Leistung: denn sie sagen sich richtig, daß
das Urteil nach der Leistung davon abhängt, auf welchem
Platze einer zufällig steht. Ließe sich das Verfahren nicht
auch auf die höhern Vermögen anwenden, sodaß man die Pro
=
duktivität und ihren Grad sozusagen experimentell feststellen
könnte? Schopenhauer definiert Genie bekanntlich als Hyper
=
trophie des Jntellekts über das zum Dienste des Willens
notwendige Maß hinaus. Mag der Wahrheitswert dieser
Erklärung sein, welcher er wolle: sie gibt einen Begriff davon,
wie man sich die geistigen Gaben als Verhältnis einzelner
Seelenvermögen denken und sie auf eine berechenbare Formel
bringen kann. Mit solcher Wissenschaft würden dann Jrrtümer
vermieden werden wie der im Falle Herwegh, wo ein Drei
=
undzwanzigjähriger mit seiner ersten kleinen Gedichtsamm
=
lung europäischen Ruhm erringt, damit vor sich und vor der
Welt ein für alle Mal der große Dichter ist, um fortan nie
mehr etwas von Belang zu leisten. Mit socher Wissenschaft
könnte andrerseits den echten Produktiven die Sicherheit der
Existenz — warum nicht von Staats wegen? — verschafft
werden, womit zwar noch keine Gewähr gegeben ist, daß sie
Großes leisten, aber doch, daß sie das Beste hervorbringen,
was in ihnen steckt, und daß sie vor ihrer schwersten Gefahr
bewahrt bleiben: sich mit ihren Schwingen in die Stricke
und Drähte der banalen Notdurft des Broterwerbs zu ver
=
fangen. Aber das alles ist ja Phantastik!
Wir wiederholen unsre erste Frage: Gibt es ein Merkmal
der zureichenden künstlerischen Kraft außer dem Erfolg? —
und wissen nun: es gibt dergleichen nicht. Gott freilich siehet
das Herz an, wir kurzsichtigen, beschränkten Menschen hingegen
besitzen keinen andern Maßstab des Könnens als den nackten
Erfolg. Erfolg und nichts als Erfolg ist für den Schaffen
=
den Ziel und Rechtfertigung seines Trachtens und Treibens.
Der Sinn aller Kunst heißt: berühmt werden.
Es ist mit dem Ruhme wie mit dem Gelde oder mit den
Weibern: Jhr Besitz beweist garnichts für deinen Wert, aber
er erhöht deinen Wert. Der Berühmte ist ein andrer als der
Unbekannte, wie der Reiche ein andrer als der Arme, der Ge
=
liebte ein andrer als der Verschmähte; sie mögen im übrigen
ihr Schicksal verdienen oder nicht.
Was also, um mit dem Großen Friedrich zu reden, bleibt
uns armen Sterblichen zu tun? Wir müssen Erfolg haben.
Darum geht es: daß der Mensch sich wiederfinden will. Kann
wohl der Mensch dazu bestimmt sein, über irgendeinen
Zweck sich selbst zu versäumen? hat Schiller gefragt. Dem
Menschen dies wider seine Natur aufzudrängen, ist der un
=
menschliche Versuch unsrer Zeit. Sie macht ihn zum bloßen
Jnstrument, er ist ein Werkzeug seines eigenen Werkes ge
=
worden, er hat keinen Sinn mehr, seit er nur noch der Ma
=
schine dient. Sie hat ihm die Seele weggenommen. Und
jetzt will ihn die Seele wiederhaben. Darum geht es. Alles,
was wir erleben, ist nur dieser ungeheure Kampf um den
Menschen. Kampf der Seele mit der Maschine. Wir leben
ja nicht mehr, wir werden nur noch gelebt. Wir haben
keine Freiheit mehr, wir dürfen uns nicht mehr entscheiden,
wir sind dahin, der Mensch ist entseelt, die Natur entmenscht.
Eben rühmten wir uns noch ihren Herrn und Meister, da hat
ihr Rachen uns verschlungen. Wenn nicht ein Wunder ge
=
schieht! Darum geht es: ob durch ein Wunder der entseelte,
versunkene, begrabene Mensch wieder auferstehen wird.
Niemals war die Zeit von solchem Entsetzen geschüttelt,
von solchem Todesgrauen. Niemals war die Welt so grabes
=
stumm. Niemals war der Mensch so klein. Niemals war ihm
so bang. Niemals war Freude so fern und Freiheit so tot.
Da schreit die Not jetzt auf: der Mensch schreit nach seiner
Seele, die ganze Zeit wird ein einziger Notschrei. Auch die
Kunst schreit mit, in die tiefe Finsternis hinein, sie schreit
um Hilfe, sie schreit nach dem Geist: das ist der Erpressio
=
nismus.
Niemals hat eine Zeit sich reiner und stärker ausgedrückt
als die der bürgerlichen Herrschaft im Jmpressionismus. Die
bürgerliche Herrschaft war unfähig, Musik und Dichtung her
=
vorzubringen, alle Musik und Dichtung ihrer Zeit ist immer
entweder Nachempfindung der Vergangenheit oder Vorgefühl
der Zukunft. Aber sie hat sich in der impressionistischen Malerei
ein Zeichen ihres Wesens, ihres Unwesens von solcher Voll
=
kommenheit geschaffen, daß ihr vielleicht dereinst, wenn die
Menschheit von ihr frei und in die stille Ferne geschichtlicher
Betrachtung abgerückt ist, um dieses strahlenden Zeichens
willen vergeben werden wird. Jmpressionismus, das ist der
Abfall des Menschen vom Geiste, Jmpressionist ist der zum
Grammophon der äußern Welt erniedrigte Mensch. Man hat
den Jmpressionisten verübelt, daß sie ihre Bilder nicht „aus
=
führen“. Aber sie führen nicht bloß ihre Bilder nicht aus,
sondern sie führen das Sehen nicht aus, denn der Mensch der
bürgerlichen Zeit führt das Leben nicht aus, sie hören mitten
im Sehen auf, denn der Mensch der bürgerlichen Zeit hört
mitten im Leben auf, grade dort, wo der Anteil des Menschen
am Leben beginnt. Sie hören mitten im Sehen auf, dort
nämlich, wo das Auge, nachdem es gefragt worden ist, nun
aber selber darauf antworten soll. „Das Ohr ist stumm, der
Mund ist taub,“ sagt Goethe, „aber das Auge vernimmt und
spricht.“ Das Auge des Jmpressionisten vernimmt bloß, es
spricht nicht, es nimmt nur die Fragen auf, antwortet aber
nicht. Jmpressionisten haben statt der Augen noch ein paar
Ohren, aber keinen Mund. Denn der Mensch der bürgerli
=
chen Zeit ist nichts als Ohr, er horcht auf die Welt, aber er
haucht sie nicht an. Er hat keinen Mund, er ist unfähig,
selbst zu sprechen, Recht zu sprechen über die Welt, das Gesetz
des Geistes auszusprechen. Aber der Expressionist reißt den
Mund der Menschheit wieder auf, sie hat lange genug nur
immer gehorcht und dazu geschwiegen, jetzt will sie wieder des
Geistes Antwort sagen.
Der Expressionist ist noch nichts als eine Gebärde. Auf
den einzelnen Expressionisten kommt es auch dabei garnicht an,
noch weniger gar auf irgendein einzelnes Werk. „Die Kunst“,
sagt Nietzsche, „soll vor allem und zuerst das Leben verschö
=
nern ... Sodann soll die Kunst alles Häßliche verbergen oder
umdeuten ... Nach dieser großen, ja übergroßen Aufgabe
der Kunst ist die sogenannte eigentliche Kunst, die der Kunst
=
werke nur ein Anhängsel. Ein Mensch, der einen Ueberschuß
von solchen verschönernden, verbergenden und umdeutenden
Kräften in sich fühlt, wird sich zuletzt noch in Kunstwerken
dieses Ueberflusses zu entladen suchen; ebenso, unter besondern
Umständen, ein ganzes Volk. Aber gewöhnlich fängt man
jetzt die Kunst am Ende an, hängt sich an ihren Schweif und
meint, die Kunst der Kunstwerke sei das Eigentliche, von ihr
aus solle das Leben verbessert und umgewandelt werden —
wir Toren!“ Jn der bürgerlichen Zeit war ja der ganze
Mensch zum „Anhängsel“ geworden, der Jmpressionismus ist
ein herrlicher „Schweif“, der Expressionist aber schlägt kein
Pfauenrad, ihm handelt es sich garnicht um das einzelne Werk,
sondern er will den Menschen wieder zurechtstellen, nur sind
wir jetzt weiter als Nietzsche, oder eigentlich: weiter zurück,
nämlich wieder bei Goethe, uns soll die Kunst nicht bloß das
Leben „verschönern“ und das „Häßliche verbergen oder umdeu
=
ten“, sondern Kunst muß selber Leben bringen, Leben schaffen
aus sich selbst, Leben als des Menschen ureigenste Tat tun.
„Die Malerei“, sagt Goethe, „stellt auf, was der Mensch
sehen möchte und sollte, nicht was er gewöhnlich sieht.“ Wenn
man schon durchaus ein ‚Programm‘ des Expressionismus will,
dies ist es.
Daß der Expressionismus zunächst mitunter ziemlich un
=
gebärdig, ja berserkerhaft verfahren muß, entschuldigt der Zu
=
stand, den er vorfindet. Es ist ja wirklich fast der Zustand
des Urmenschen. Die Leute wissen garnicht, wie recht sie haben,
wenn sie zu spotten meinen, daß diese Bilder „wie von Wilden“
gemalt sind. Die bürgerliche Herrschaft hat aus uns Wilde
gemacht. Andre Barbaren, als die Rodbertus einst fürchtete,
drohen ihr: wir selber alle, um die Zukunft der Menschheit
vor ihr zu retten, müssen Barbaren sein. Wie der Urmensch
sich aus Furcht vor der Natur in sich verkriecht, so flüchten
wir in uns vor einer ‚Zivilisation‘ zurück, die die Seele des
Menschen verschlingt. Jn sich selbst fand der Urmensch an
seinem Mut die Gewähr, mehr als die drohende Natur zu
sein, und zur Ehre dieser seiner geheimnisvoll Erlösung ver
=
heißenden innern Kraft, die ihn in allen Schrecken der Unge
=
witter, der reißenden Tiere, der unbekannten Gefahren nie
=
mals verzagen ließ, zog er einen Zauberkreis bannender Zei
=
chen um sich, der drohenden Natur Feindschaft ansagender
Zeiche, das Eigentum des Menschen absteckender Zeichen des
Trotzes wider die Natur und des Glaubens an den Geist. So
finden wir, durch die ‚Zivilisation‘ zunichte gemacht, in uns
eie letzte Kraft, die dennoch nicht zunichte werden kann: diese
holen wir in unsrer Todesangst heraus, diese kehren wir gegen
die ‚Zivilisation‘ hervor, diese strecken wir ihr beschwörend
entgegen: Zeichen des Unbekannten in uns, dem wir zutrauen,
daß es uns erretten soll, Zeichen des gefangenen Geistes, der
aus dem Kerker brechen will, Zeichen des Alarms aller bangen
Seelen gibt der Expressionismus.
Damit ist er ja aber nur wieder eine Hälfte der Kunst,
aber die bessere. Auch er sieht wieder nicht ganz. Hat
der Jmpressionismus das Auge zum bloßen Ohr gemacht, so
macht es der Expressiomismus zum bloßen Mund. Das Ohr
ist stumm, der Jmpressionist ließ die Seele schweigen; der
Mund ist taub, der Expressionist kann die Welt nicht hören.
Goethe sagt: „Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt
und noch etwas mehr.“ Der Jmpressionist stellt das Mehr
des Objekts dar und unterschlägt das Mehr des Subjekts;
der Expressionist hinwieder kennt nur das Mehr des Subjekts
und unterschlägt das Mehr des Objekts. Aber wie wir selber
„Ausgeburt zweier Welten“ sind, ist es auch unser Auge:
„Jn ihm spiegelt sich von außen die Welt, von innen der
Mensch; die Totalität des Jnnern und Aeußern wird durchs
Auge vollendet.“ Diese Totalität des Jnnern und Aeußern
fehlt, wie dem Jmpressionismus auch dem Expressionismus
wieder, jenen „steten lebendigen Bund der Geistesaugen mit
den Augen des Leibes“, auf den Goethe in Kunst, Wissen
=
schaft und Leben überall immer wieder dringt, erreicht auch
der Expressionismus wieder nicht. Wann aber ward er er
=
reicht? Von einzelnen Meistern in einzelnen Werken, die stets
unverstanden geblieben sind. Niemals von einer ganzen
Epoche. Es gab eine, die daran war: die des Barockstils.
(„Nur die Schlechtunterrichteten und Anmaßenden werden bei
diesem Wort eine abschätzige Empfindung haben“, sagt Nietz
=
sche vom Barock=Stil, den er übrigens selbst, im Gefolge Jakob
Burkhardts, ebenso mißverstanden hat.) Sein Zeitalter, vom
Tridentinischen Konzil über Teresa und Vinzenz von Paul zu
Bernini und Calderon, dieses Zeitalter, von dem eine glühende
Vorahnung schon die Herzen des dreizehnten Jahrhunderts
quält, dieses alle Sehnsucht, Himmelsgier und Geisteskraft
von anderthalb tausend Jahren zusammenraffende Zeitalter,
das aber selbst wieder nur erst eine Verheißung noch gewal
=
tiger ausgreifender Synthesen ist, entwirft ein Reich von stür
=
mischer Bewegung zu tiefster Ruhe, wo die himmlische Gnade
von der irdischen Tat berührt, Gott vom Menschen ergriffen,
der Mensch zum Täter der Gnade von oben wird, das Werden
ins Sein zurücktaucht und die Zeit an die Ewigkeit stößt. Aber
halt! Denn da bin ich ja schon in meiner Schrift über Ber
=
nini, die ich mir erharren und erhoffen will. Jch habe von
ihr noch nicht mehr als eine Vision, so bedrohend als beglük
=
kend, in der Franziskus seine blutenden Hände nach den
großen Dominikanern Eckhart und Tauler ausstreckt, und über
sie hinweg empor zu Teresen, Calderon und Bernini, bis die
=
ses flutenden Segens, vor dem der Mensch, geblendet, ins Dun
=
kel entirrt, ein durchbohrender Strahl — Goethen trifft.
Auch mir, erschreckte Freunde, bangt vor dieser Vision, ich
möchte sie verscheuchen, möge sie mir standhalten! Aber frei
=
lich ist das ein Goethe, den wir noch kaum ahnen können, weil
wir ihn auch erst ertragen lernen müßten.
Aus einer Schrift über den ‚Expressionismus‘ die unter diesem
Titel, mit neunzehn Tafeln, im münchner Delphin=Verlag erscheint.
Daß ein Schauspieler noch nach fünfzig Jahren der Büh
=
nentätigkeit vor sein Publikum treten kann, in einer
Rolle, die Jugend erheischt, ist zwar eine Seltenheit, aber es
kommt vor.
Daß dagegen ein singender Künstler oder eine singende
Frau, die dem Greisenalter nicht mehr fern ist, noch wagen
darf, als Fidelio für ein paar Stunden der ziemlich unerbitt
=
lichen Zeit Jugend, Kraft und Schönheit abzutrotzen: das ist
ein Ereignis, das einzig dasteht.
Lilli Lehmann, die große Sängerin, die große Norma von
einst, die große Donna Anna, die große Jsolde — womit schon
in drei Rollen die ungeheure Weite ihres Gebietes angedeutet
ist — hat dieses Wagnis siegreich bestanden. Bei einem Ehren
=
gastspiel im Königlichen Opernhaus zu Berlin, bei dem für die
Hofoper allerdings nichts weiter ehrenvoll war als die Tat
=
sache, daß man die Lehmann an diesem für sie und die Musik
=
geschichte wichtigen Tage auftreten ließ.
Jn der Amtssprache des Opernhauses dürfte es heißen,
daß man ihr das Auftreten gestattete ...
Hätte sich dieses Ereignis in Wien, in München, in Dres
=
den, ja, sogar vielleicht in Hamburg vollzogen, wo man grade
jetzt den Abgang einer jungen Lotte Lehmann mit vielen Blu
=
men stürmisch gefeiert hat, so wäre der Abend gewiß auch ein
gesellschaftliches und festliches Ereignis geworden. Jn diesen
andern Städten, die nicht ohne Kultur und Tradition sind,
wäre Lilli Lehmann bei ihrem Auftritt jubelnd begrüßt wor
=
den. Meine berliner Nachbarin sagte, als sich die Tür vor
Fidelio öffnete: „Na, nun bin ich aber neugierig.“ Jn den
andern Städten wäre am Schluß der Vorstellung die Bühne
ein Lorbeerhain, ein Palmenwald und ein Rosenmeer gewesen.
Bis zu solchen Uebertriebenheiten läßt sich Berlin weder im
Krieg, was vielleicht verständlich ist, noch im Frieden hinreißen.
Bei uns werden die Blumen, wie am andern Tag die Zeitun
=
gen schreiben, in der Garderobe der Künstlerin aufgebaut. Das
ist ja vielleicht auch ganz hübsch, aber soviel Blumen in einem
Ankleidezimmer können hinderlich sein.
Ueber die Leistung selbst nur ein Wort —: es war könig
=
lich, wie die Lehmann den Fidelio gestaltete, wie sie alle Wider
=
stände und Hindernisse bezwang. Nach wenigen Takten der
Befangenheit strömte die Stimme frei und herrlich dahin, und
leuchtete, vom allerhöchsten Adel umflossen, vor den andern
strahlend daher.
Ein unvergeßliches Erlebnis allen, die dabei gewesen sind.
Neulich ist der berühmte Gallenstein=Operateur Kehr ge
=
storben, und mit seinem Tode hatten sich die Kunstkritiker und
Kunstberichterstatter zu beschäftigen, was bei einem Arzt gewiß
kein alltäglicher Fall ist.
Aber dieser Kehr nahm eine besondere Stellung ein.
Welche, sagt schon der Name, unter dem er bekannt war, der
Name: Wagner=Kehr.
Als Wagner in allen Nöten seines Lebens den Ruf nach
dem Fürsten in die Welt schleuderte, der ihm helfen sollte, sein
Jdeal zu verwirklichen, hat er wohl kaum an jene große Schar
von begeisterten Dilettanten gedacht, die neben ihm und nach
ihm zu seiner Hülfe aufstehen würden. Kein andrer Künstler
der Welt hat solche Opferfreudigkeit erlebt, solche glühende und
demütige Hingabe, die Wagners Werk als ein teures und
heiliges Vermächtnis hütete, als eine Gralsbotschaft, die aller
Welt, am liebsten in Festspielen, mitgeteilt werden sollte.
Der Wagner=Kehr lebte, bevor er nach Berlin übersiedelte,
in Halberstadt, und seine Klinik war viel besucht und bei den
Bresthaften und Leidenden, weit berühmt.
Aber ihn selbst, den Meister zahlloser glücklich verlaufener
Operationen, machten recht bekannt erst seine Wagner=Fest
=
spiele in dem neuen halberstädter Stadttheater, das vorn wie
ein Theater, hinten wie eine Ritterburg aussieht.
Zu diesen Festspielen holte er die Künstler heran, die in
Bayreuth Ruf und Namen und Prägung bekommen haben,
und es ist kein Zweifel, daß seine Vorstellungen für Halber
=
stadt und die ganze Landschaft vor dem Harz künstlerische Er
=
eignisse waren, wenn ihnen natürlich auch alle Mängel der
Festspiele mit schnell zusammengerufenen Sängern anhafteten.
Diese Festspiele waren seine große Zeit, und die Vorbereitung
dazu brachte ganz die hohe Spannung, deren er bedurfte. Wie
ein Diktator stand er dann im halberleuchteten Zuschauer
=
raum, und er gab seine Befehle und Anordnungen in wahrer
Possart=Pose. Es ärgerte ihn einmal, daß die Rampe weiß
war. Sie wurde sofort braun gestrichen. Er ordnete den Auf
=
bau der Dekorationen und die Beleuchtung an. Er war überall
und nirgends. Der Theaterdirektor selbst verkroch sich ein
wenig vor ihm und hatte Humor genug, was ihm als Fach
=
mann gut stand, sich von dem begeisterten Dilettanten völlig
beiseite drängen zu lassen.
Jn solchen Stunden summte der Wagner=Kehr seine ge
=
liebten Leitmotive, sodaß man immer an einen Hummel
=
schwarm dachte, wenn man in seine Nähe kam. Jch bin sicher,
daß er ganz und gar, daß er so prachtvoll unmusikalisch war,
wie man sein muß, um den ganzen Wagner mit Haut und Haar
zu schlucken. Aber die Liebe, die er dem Kunstwerk widmete,
war vorbildlich und verdiente, ein oft nachgeahmtes Beispiel
zu werden.
Und deswegen hat es auch Sinn, daß man seiner weit über
den Rahmen des halberstädter Theater=Bereiches hinaus in
Dankbarkeit gedenkt.
Wir Jungen haben sie nur noch in ihrem Alter gesehen,
im Winter der großen Meisterschaft, die sie vor so vielen aus
=
zeichnete. Aber noch dieser Winter war erstaunlich, war Freude
und Beglückung.
Sie hatte jenes schöne Ebenmaß, das wir uns so gern für
die Verkörperung der klassischen Gestalten des Dramas wün
=
schen. Aber sie hatte neben der Hoheit auch Güte und Froh
=
sinn, ja, sie hatte — bei Frauen eine seltene Gabe — sogar
Humor. Und vor allen Dingen —: sie war, was bei Schau
=
spielern nicht oft vorkommt, was bei alten Schauspielern bei
=
nah wie eine Naturwidrigkeit wirkt, ein Mensch ohne Feierlich
=
keit, ohne Pose, ohne „Tuerei“. Sie spielte keine Größe, sie
mimte keine Bedeutung. Es ging ihr nicht wie andern Be
=
rühmtheiten aus der Welt des schönen Scheins, in deren
Gesellschaft man immer das Gefühl hat, daß sie sich vor ihrer
eigenen Größe zu graulen anfangen ... Sie war eine lustige,
kluge Frau, die mit hellen Augen, klar und offen ins Leben
sah. Eine Meisterin des Gesprächs auf der Bühne, verstand
sie auch im Salon zu plaudern, zu gehen und zu stehen. Ohne
daß sie je der verkehrte Ehrgeiz verlockt hätte, außerhalb der
Bühne eine jener großen Damen, Prinzessinnen oder Herzo
=
ginnen zu sein, die sie auf der Bühne so oft gespielt hatte. Sie
blieb immer die entzückende Frau, sie war immer Pauline Ul
=
rich. Niemals die Tragödin, niemals die Komödiantin. Aller
=
dings auch niemals die Frau Professor. Zu ihren vielen
andern Würden und Bürden trug sie, lächelnd und liebens
=
würdig, auch dieses Titels Bürde gelassen durch die Welt.
Mit ihr ist eine jener Frauen dahingegangen, die noch aus
der alten guten Schule des schauspielerischen Handwerks kom
=
men, aus jener Zeit, wo sicherste Beherrschung der Technik
Vorbedingung zum Erfolg war. Sie konnte so wundervoll
sprechen, und das allein war schon ein Genuß: ihr zuzuhören.
Es war immer so, als ob sie jedes einzelne Wort lieb hätte, das
sie sagte, und in ihrem Munde hatte auch ein abgegriffener und
gleichgültiger Satz plötzlich ein neues Gepräge und einen be
=
sondern Klang. Sie war sehr klug, aber sie hatte auch Herz
und sehr viel Geschmack. Dem alten Fontane hat sie gefallen,
und ich glaube, Liliencron müßte sie auch bewundert haben,
denn sie gehörte zu jenen Frauen, die er so gern hatte, von
denen er sagt, daß sie bis in ihr hohes Alter jung bleiben, daß
sie Humor und Klugheit in die Welt tragen.
Jch liebe ihn. Gott helfe mir, aber ich kann nicht anders.
Er war so lebendig, so beweglich, so ganz anders, als man
das sonst in diesem Lande gewöhnt ist, wo die hohen Würden
=
träger immer ein wenig den Verdacht erwecken, als seien sie
irgendwie mit dem Dalai Lama verwandt ...
Er hatte solch eine prachtvolle Bourbonennase, es sprühte
so kostbare Junkerlicheit von ihm aus. Und trotzdem —: er
schillerte und flimmerte, er hatte ganz moderne Stunden, und
nach der Ueberwindung seiner frühen imperialistischen, caesari
=
stischen Anwandlungen begriff er, daß eine Großstadt etwas
andres ist als der Kreis eines Landrats.
Er war lebendig, er war überall. Auch da, wo es nicht
nur Pflicht und Beruf für ihn war, zu erscheinen, wie bei einem
Brand oder einer Parade oder einem Straßenauflauf. Er
hatte Kulturinteressen: das ist nicht wegzuleugnen. Und nie
=
mals war er der Teilnahme, fast möchte ich sagen: freundschaft
=
licher Teilnahme, näher, als in jenen nun auch schon märchen
=
fernen Zeiten, da er sich bei einer Schauspielerin zum Tee an
=
gesagt hatte und das plötzlich büßen sollte. Damals gewann
sich Herr von Jagow sehr viele von den Herzen der Berliner,
die sich gegen ihn, wie bei jedem neuen Mann, zuerst recht mit
Eis gepanzert hatten, mit Abwartung und mit der Spottlust,
ohne die sie nun einmal nicht leben können.
Man hat ihn bekämpft, man hat ihn befehdet. Schön.
Aber er war doch wenigstens jemand, der die Dinge so tat, der
die Dinge so sagte, daß man manchmal Lust hatte, gegen ihn
aufzuspringen. Er war nicht gleichgültig. Er war kein Amts
=
schimmel. Er langweilte nicht, und es ging nicht jener erkäl
=
tende und ertötende Hauch der Feierlichkeit von ihm aus, der
in diesem Lande, wo die Landschaften und Städte so unfeier
=
lich sind, so viele Menschen peinlich und störend umfließt. Er
war nicht schwerfällig. Kein märkischer Rotweintrinker und
Stoppelhopser, sondern vielmehr ein verspäteter Nachfahr ga
=
lanter Kavaliere, die den seidenen Rock und den Stoßdegen
schön zu tragen wußten, die eine Unterhaltung in Sanssouci
zu führen verstanden, denen der Schaumwein an der Tafel des
Vielgeliebten vortrefflich schmeckte.
Es ist schade, daß er Berlin verläßt. Diese Stadt, die
nicht grade Ueberfluß an Farbe und an schimmernden und be
=
weglichen Persönlichkeiten besitzt, verliert mit ihm ein ganz be
=
sonderes Glanzlicht, und man kann die Breslauer beinah be
=
neiden, daß sie diesen lebendigen und sprühenden Kopf den
Berlinern entführen dürfen.
Wir, die wir in Berlin zurückbleiben, werden seinen Weg
nicht aus den Augen verlieren, und wir werden ihn mit Span
=
nung auf diesem Wege begleiten, als die Neugierigen, die seiner
Erlasse berühmtester wie in Erz gegossen einst gewarnt hat.
Jm Krieg leben die Männer ohne Weib. Es verging ein
Monat nach dem andern, und die vielen Zwanzig=, Drei
=
ßig und Vierzigjährigen lebten ohne Weib. Wie viele Küsse
werden da auf der Welt von Männerlippen versäumt. Millio
=
nen von Küssen unterbleiben. Viele Millionen. Zahllose
Millionen. Das ausgestirnte Firmament fällt mir ein und
ein Meer voll Blumen, ein Meer, in dem statt Wassertropfen
unendlich viel Blumen dahinwogen. Und wie viele köstlich
herrliche Umschlingungen, Umarmungen wurden von den
Armen versäumt. Wie viele zärtliche Bewegungen, Berüh
=
rungen der Hände unterblieben: Streicheln der Haare, Knei
=
fen ins Kinn, sanfte Schläge des Scherzes. Alles. Und wie
viele Laute versäumten Männerlippen: Flüstern, Lallen,
schmerzende und süße Seufzer, wie viele Worte, die Frauen
galten, wie viele Schmeicheleien, wie viele Komplimente, wie
viel Lüge, wie viel Wahrheit, wie viel Zartes, wie viel Har
=
tes, wie viel närrische Worte des Kosens und wildes Schreien
des Zorns, wie viel Worte des Glücks und der Eifersucht
unterblieben und wie viel Tränen. Ohne Weib leben hier die
Männer und leben noch. Heute morgen zogen an uns die
Flüchtlinge aus serbischen Dörfern vorbei. Zahlreiche Weiber
saßen auf den Wagen oder schritten nebenher. Auch Mäd
=
chen. Auch schöne Mädchen darunter. Sie staunten uns mit
großen Augen an. Die Bakas, die Offiziere hatten kaum einen
Blick für sie, sprachen auch nichts. Sehr wunderlich wurde
mir zu Mute. Und es fiel mir ein, daß diese Leute von Woche
zu Woche weniger von Weib und Liebe sprechen. Die Erzäh
=
lungen erlebter Abenteuer, Jugenderinnerungen, die heiklen
Witze wurden immer weniger und seltener und blieben dann
ganz fort, vor dem Abendschlaf in den leeren Stuben, auf
dem Stroh beim Lagerfeuer, oder auf bloßem Boden unterm
Zelt. Es gibt Tage, an denen dieser Begriff nicht ein einziges
Mal das ganze Lager streift. Mich deucht, daß auch die Feld
=
postkarten seltener werden. Jmmer seltener. Jch kenne
einen Mann, der seinem Weibe daheim nicht mehr schreibt.
Und dies ist eine schmerzliche Wahrheit. Dieser Mensch scheint
vergessen zu haben, daß er ein Weib besitzt. So vergessen, als
wäre es gar nicht wahr, daß das Herz des Mannes dem Weibe
gehört, und jenes des Weibes dem Mann. Als sei dies nur
ein Traum, der seinem Gehirn entflohen. Dies ist erschüt
=
ternd. Die Männer, die in den Krieg zogen, sind ohne Liebe
und leben doch. Sie können sprechen und essen und trinken,
können schlafen und erwachen, trauern und jubeln, fallen und
spielen, tollen und weinen. Alles Leben ist in ihnen. Dies
hier ist die Welt, wohin kamen die Frauen? Zuweilen habe
ich im Lager das Gefühl, als schreite ich zwischen lauter keuschen
Männern. Wir sind von den Frauen abgesondert und müde,
der Körper entsagt langsam und vergißt. Doch der Mensch
hat eine Seele und diese ist mehr denn der Körper — wohin
verschwand aus dieser die Frau? Was ersetzt jetzt den Män
=
nern jenes unsägliche Himmelreich und jene unsägliche Hölle,
die uns die Liebe ist? Hier, auf der gebrechlichen Brücke zwi
=
schen Leben und Tod, sind meine Augen und Ohren aufs
Schärfste gespannt, befragen alles, und mein irdischer Verstand
kämpft sehnsuchtserfüllt. Alles schmerzt mich unsäglich, und
ich bin auf alles unsäglich neugierig. Jch verbringe die
Nächte einsam, setze mich im Finstern auf und befrage mich
flehend über alles, denn auch ich bin ein Mensch, der hier auf
dieser Welt lebt. Jch werde sterben, vielleicht morgen oder
erst in fünfzig Jahren, doch dieser Zeitunterschied zählt nicht
viel vor der Ewigkeit, die dann kommt. Jch werde sterben.
Doch was weiß ich darum? Jch werde sterben. Hier gehe ich,
schlendre umher, treibe mich im Getriebe auf den Gefilden des
Todes herum, mich in den erschütternden Visionen des Todes
verlierend, zwischen den sich unter den Himmeln ansammeln
=
den und einander suchenden Heeren, zwischen Herren und
Bauern, Menschenleichen und Menschenströmen, zwischen lau
=
ter lebenden Menschen, deren Köpfe und Nerven der gleiche
Rausch aufrecht erhält. Tausend mannigfaltige Arbeiten ver
=
richten sie, tausend mannigfaltige Verfügungen werden ge
=
troffen und tausendfältiges Allerhand gesprochen, aber eigent
=
lich handelt es sich immer nur um den Krieg, was immer
die Leute auch tun, beginnen, sagen; jedes Wort und jede
Bewegung bezieht sich auf den Tod, denn wir führen hier
Krieg, und im Krieg töten einander die Menschen. Manchmal
besitze ich jenes Gefühl, das ich als Kind hatte, wenn ich rück
=
wärts auf der Straße ging. Jeder kleine Knabe pflegt dies
zu tun. Welch geheimnisvolle Passionen besitzt doch die Kind
=
heit! Hier, auf den Gefilden des Krieges, steht der Tod
träumend am Saume des Horizonts, hier pocht in jedem Her
=
zen die Unruhe des verurteilten Lebens, hier tritt der Tod
aus den Ufern, und die Seelen der Menschen sind über
=
schwemmt wie unter Wasser stehende Felder. Wir sind erfüllt
mit etwas, um das wir keinerlei Wissen besitzen, das wir bloß
fühlen und nicht einmal fühlen, denn wir wandeln wie im
Schlaf. Was führt uns vorwärts? Was belebt uns? Was
hält uns aufrecht? Woher kam uns, was wir Abge
=
stumpftheit nennen, was hat uns mit dieser beispiellosen Ruhe
erfüllt, und was erweckt in uns zuweilen Kirchenstille? Was
gewährt uns Begeisterung, Aufregung, woher kam uns die
Fähigkeit zu dulden, zu vergessen, uns zu zerstreuen und
andere, ja sogar zu lächeln, zu lächeln ... Es zieht uns irgend
=
wohin, wir wollen nicht gehen, werden aber gezogen, das
Herz mag von etwas träumen, das kein verschwindendes
Phantom, sondern ewig, in der Seele mag ein kleines Lämp
=
chen sein Licht auf den Weg vorwärts werfen, wir haben zu
irgendetwas Beziehungen, die von früher kommen, unsre
Verbindung, unser Verhältnis, unser Verlöbnis darstellen,
aus frühern Zeiten kommen und dauerhafter sind denn alles.
O, wie wenig weiß ich darum. Finsternis herrscht, und rings
=
um schläft jedermann. Jch starre in die weite Ferne, einem
großen schwarzen Tor entgegen. O, böte es doch irgendwo
eine Spalte, strahlte doch ein langer Lichtstrahl hindurch, auf
daß sich weise, ob jenseits des Tores Licht. Mein Gott,
hilf mir!
Einzig berechtigte Übersetzung aus dem Ungarischen von St. I. Klein.
So stark ist mein Alleinsein, daß die Hunde auf der Straße,
die mehr Telepathie im Schwanz haben als die Menschen
im Kopf, gutmütig=versteherisch wedeln beim Vorübergehen.
Nichts gleicht der Alleinseinshölle: wäre ich aber nicht in
ihr, würde ich mich immer wieder hineinwünschen. So un
=
heilbar ist unser Wollen.
Der große Reinfall: ich bezahlte Einsamkeit (o ungeheu
=
rer Preis!‘) und erhielt Alleinsein.
Selbst die drei heiligen Zuwagen, die ich mir ausbedang
zur Einsamkeit: Musik — Bilder — Bücher — versagen sich
mir oft in infamster Weise. Sie sind wie die koketten, ober
=
flächlichen Geliebten, denen ein einziger Bewunderer nicht
genügt.
Manchmal jedoch schnellen die Dinge von weit her zurück
in meine Seele: vergangene Musik, die meine Liebe war, ein
Gedicht, das einst die Adern hitzte, verlorene reine Farben.
Nur die Distanz ist zuverlässig.
Milly Steger ist eine Bändigerin,
Haut Löwen und Panther in Stein.
Vor dem Theater in Hagen
Stehen ihre Großgestalten.
Böse Tollpatsche, ernstgewordene Hännesken,
Clowne, die mit ihren blutenden Seelen wehen.
Aber auch Brunnen, verschwiegene Weibsmopse
Zwingt Milly rätselhaft nieder.
Manchmal spielt sie mit Zündhölzchen,
Die entzünden sich in der Gulliverin Hand.
Sie schnitzt aus dem Holze Adam
Hinterrücks sein Weib.
Und Millys Herz lacht wie ein Apfel,
Jn ihren stahlblauen Augen sitzt ein Schalk.
Milly Steger die Bildhauerin ist eine Welt,
Meteore stößt sie von sich
Eine Büffelin an Wurfkraft,
Freut sie sich auch zart an dem blühenden Kern der Büsche.
Dieerstaunliche Hochstimmung der Börse von der vor kurzem hier die
Rede war, und die der Oeffentlichkeit zeigt, wie verschiedenartige
Seiten man dem Kriege abgewinnen kann, hat nun auch die Reichs=
und Staatsbehörden aufblicken lassen. Man konnte schließlich nicht
mehr schweigend hinnehmen, also gutgeheißen, wie an der Börse die
Aktien der Unternehmungen, die im Krieg an Lieferungen für den Be
=
darf des Gemeinwesens verdienten, zum Gegenstand eines übereifrigen
und von Gewinnsucht angetriebenen Spieles gemacht wurden. Lag
doch die Gefahr nahe genug daß sehr weite Kreise des Publikums, und
grade jene, denen es bisher als richtig, ja als Pflicht erschienen war,
ihre Ersparnisse und freien Mittel in Kriegsanleihe anzulegen, diese
Anlagen wiederum veräußerten, und den Erlös dafür dem Markte der
gleichsam und fast unabsehbar nach oben strebenden Kriegsaktien
=
werte zuführten. Wie bei dieser Gefahr die Aussichten für die nächste
Kriegsanleihe, die nicht so weit mehr entfernt ist, sich gestalten mochten,
mußte durchaus unsicher scheinen.
Also mußte etwas geschehen, um die Börse, zur Besinnung zurück.
=
zurufen: darüber waren sich die Stellen, die schließlich das Heft in der
Hand hatten, bald einig. Aber um das Was und Wie, um Art
und Schärfe der Maßregeln, die kommen sollten, entstand Streit, und
der Streit ging, soviel man weiß, eine Weile unentschieden auf und
nieder. Jnzwischen drang das Kampfgeräusch aus den Regierungs
=
konferenzen zur Börse durch, man spitzte dort die Ohren, und alsbald
vernahm man, daß Gefahr für den freien Wertpapierhandel (und für
die Spekulanten) im Anzuge war. Die Regierung war offenbar end
=
giltig entschlossen, sich, sobald sie selbst erst einmal einig war, gegen
die Börse und ihre als übel angesehenen Sitten zu wenden. Und
damit zunächst einmal wenigstens irgend etwas geschehe, bevor es rich
=
tig anfangen sollte, feuerte man aus den — zu diesem Zweck trotz des
innern Zwiespalts vorübergehend vereinigten — Regierungslagern
einen recht vernehmbaren Warnungsschuß in der Richtung auf den
freien Börsenverkehr ab.
Dieser Schuß war die Ankündigung, daß das Reich gewillt sei, den
Wertpapierumsatzstempel zu erhöhen, und zwar nicht, wie man es, wenn
auch unter einigem Geschrei, noch hingenommen hätte, um einige kleine
Tausendstel; sondern es sollte eine Erhöhung gleich um das Dreiund
=
dreißigfache kommen, das heißt: das Wertpapiergeschäft sollte statt wie
bisher mit drei Zehnteln vom Tausend mit Eins vom Hundert des Um
=
satzes besteuert werden. Das würde allerdings das Ende bedeuten,
und die Börse stand (einen Vormittag lang) stumm und gebeugt. Nicht
so die Banken und Finanzmänner, jene, die den großen Taktstock
schwingen. Man weiß nicht genau, in welcher Richtung sie zunächst sich in
Bewegung setzten, welche Schritte sie unternahmen; man wird auch
nie sicher erfahren, was diese gewaltigen Männer in den Minister
=
stuben und bei den Reichsbehörden zwischen Morgen und Abend und
wieder Morgen verhandelt haben; gewiß ist nur, daß eifrigstes Getriebe
hinter der Szene anhob, nachdem jener Schreckschuß und sein Echo in den
Blättern verklungen war. Und es dauerte denn auch gar nicht lange
(kaum vierundzwanzig Stunden), und man flötete aus den vormals
drohenden Wolken eine mildere Weise. Jetzt hieß es, die Börse sollte
einmal Einkehr halten, sollte sich die gräßliche Drohung mit der Er
=
drosselung des Verkehrs durch die Steuerschlinge als ernsten Verweis
zu Herzen nehmen, kurz, sollte nunmehr recht brav und anständig sich
zeigen: dann könne der Würge=Engel vielleicht grade noch einmal vor
=
übergehen.
Als dieses Lied erklang, atmete die Börse auf. Klugheitshalber
hielt man freilich die Kurse noch einige Tage lang unter Druck, und
Börsenvorstand, Maklervereine, Bankierorganisationen beschlossen aller
=
hand schöne Dinge, wie es in Zukunft am besten zu halten sein möchte.
Was bei solchen Entschließungen in Wirklichkeit herauskommt, hat die
mecklenburgische Ritterschaft in entsprechenden Lagen, nach Fritz Reu
=
ter, dahin zusammengefaßt: Dat bliwt allens so, wie dat gewesen is.
Adolf Behne. Jch übernehme nicht alles, was Sie mir über die
Oper von Charlottenburg schreiben; aber neben dem Satz, daß „das
Haus ein Unglück bleibt“, begrüße ich die folgenden Sätze: „Es scheint
mir Pflicht, auf den Sänger und Spieler Eduard Kandl, der ein
Künstler ist, besonders hinzuweisen. Nehme ich den Klingsor aus,
dessen Schemenhaftigkeit nicht lebendig werden kann, so sind mir alle
Gestalten Kandls eindrücklich und köstlich gewesen: der Kezal in Sme
=
tanas ‚Verkaufter Braut‘, der Beckmesser, der Doktor Blind, der
Kasper im ‚Freischütz‘ und Sparafucile, ein Bravo. Man spürt
von der ersten Sekunde an die frische Lust, mit der Kandl spielt, die
Sicherheit, mit der er sich verwandelt, die Unerschrockenheit, mit der
er bis in die letzten Möglichkeiten der Rolle vordringt — ein glück
=
liches Temperament. Der Entfaltung, der Ausbreitung im einzelnen
zu folgen, ist stets ein Genuß. Niemals ernüchtert eine geläufige
‚typische‘ Geste zu der persönlichen, bürgerlichen und außerkünstlerischen
Erinnerung: das ist Kandl. Seine Figuren haben außer ihrer
gleichen schauspielerischen Vollendung nichts Gemeinsames. Kandl ist
die unruhvollste, quirlendste Beweglichkeit — und er ist die kühlste,
trockenste Ruhe. Er kann grotesk sein in verzweifelter Ungeschicklich
=
keit, und er verleugnet selbst dann nicht eine unzerstörbare Grazie.
Seine Gestaltungen packen, weil ein ‚Muß‘ über ihnen geschrieben steht,
weil sie etwas Unentrinnbares haben, als ob sie von außen durch
eine höhere Macht getrieben würden. Tragikomik! Den künstlerischen
Sinn erfaßt, verkörpert Kandl ohne Rest, sodaß nicht selten sein
Spiel, seine Bewegung, seine Stellung und Haltung das Ganze auf
der Bühne gestaltend krönt. Sodann ist sein Spiel niemals auf Eine
Karte, auf Ein Motiv, auf Einen Charakterzug gestellt. Er ist nie
=
mals eindeutig. Nein: er mischt, zeigt verschiedene Seiten; er er
=
klärt niemals eine Rolle, gibt nicht die Jllustration zu ‚Kandls Auf
=
fassung‘. sondern — spielt die Rolle. Und er spielt nicht nur, solange
er grade den Gegenpart hat, oder solange er gemeint ist. Er ist
stets gemeint. Er erlebt jedes Wort, jede Bewegung mit. Jeder
Künstler hat ein flutendes, schwingend=ausgreifendes, vielfaches Be
=
mußtsein. Aktio und Reaktio sind bei ihm in unaufhörlicher wechsel
=
seitiger Bewegung. Es ist Kandls Sache nicht, in Starrheit zu ver
=
sinken, zu warten, bis er wieder dran ist. Er ist immer dran. Alles
hat Beziehung auf ihn, zu allem findet er, fühlt er Beziehungen. Der
Klingsor freilich, wie alle Rollen Magners. ist zur berufsmäßigen Ab
=
wechslung zwischen Spiel und Starrheit verurteilt. Bei Wagner
ist es ja, besonders im ‚Parsifal‘, ganz auffallend, daß stets nur die
grade aktuelle Figur im Bewußtsein des Arbeitenden war, während
alle andern solange, bis sie wieder gebraucht wurden absolut in Ver
=
gessenheit fielen. Ein solches Bewußtsein, das stets nur Eines empfin
=
den kann, ist unkünstlerisch. Der Künstler empfindet in jedem Wort,
in jeder Note, in jeder Handlung das Ganze. Jeder einzelne Ausdruck
ist das Produkt einer Bewegung und wirkt Bewegung. Bewegung
ist die Seele der Kunst. So Weber, Verdi, Scheerbart, Poe, Otto
Ludwig — der Sänger Kandl!“ Jch würde andre Pairs des Sängers
Kandl nennen. Aber in der Sache sind wir einig.
E. R. Nicht so stürmisch, junger Freund! Es ist zwar möglich,
daß ich mich, nächstes oder übernächstes Mal, meiner Pflichten gegen
Onkel Bernhard und Pallenbergs Zonwadil und Robert und Bertram
und Anna Schramm entsinne. Aber wir sind schon zu tief im Som
=
mer, als daß ich mich noch auf Versprechungen einlassen möchte.
Verantwortlicher Redakteur: Siegfried Jacobsohn, Charlottenburg, Dernburgstraße 25.
Verantwortlich für die Inserate: J. Bernhard, Charlottenburg. Verlag der Schaubühne
Siegfried Jacobsohn, Charlottenburg. Druck: Felix Wolf G.m.b.H. Berlin, Dresdenerstraße 43