X. Jahrgang 6. August 1914 Nummer 31/32
Es ist einige Wochen her, da sah ich ihn mit der Herzogin und den
beiden Söhnen durch den Park von Konopischt fahren. Ein Mann
von wuchtiger breiter Figur; das Gesicht rotbackig und friedfertig;
die Haltung ein wenig geniert — denn er war nicht gewohnt, sich
dem Volke zu zeigen — aber mit der deutlichen Jntention, ge
=
mütlich und leger zu sein; schlichter brauner Sommeranzug, heller
Girardihut. Ein Papa, der sonntags mit Familie ein bißchen
ausfliegt. Nur, wenn man hinsah und grüßte, dann antworteten,
mit unbeweglich ernstem Blick, zwei große stahlblaue Augen von so
starkem Glanz, daß in jenes Bild gutbürgerlicher Gemütlichkeit
plötzlich ein ganz fremdes Licht kam: hinter diesem Lichte gesehen,
zeigte sich die Gruppe dann schon weniger simpel. Da war Fürstlich
=
keit, die von sich selber weiß und auf sich vertraut; die es aber ver
=
schmäht, sich in Szene zu setzen. Da war ein Wille, entschlossen,
das Seinige um sich zu sammeln und zu halten. Da war eine Sphäre
voll verschwiegener großer Gedanken. Da war Majestät.
Das ist der Eindruck von damals. Und ich gebe zu, daß die
Suggestion des Namens, der Umgebung, der Mythen, die schon
um ihn gesponnen waren, dabei mitgewirkt haben mag. Jmmerhin:
was hatte diese Mythen erzeugt? Doch wieder nur ähnliche Ein
=
drücke, die also auch zu andern Zeiten, auf andre Menschen von ihm
ausgegangen sein müssen. Man hat ein Recht, irgendwas Wirk
=
liches dahinter anzunehmen. Nur freilich etwas Wirkliches von
subtilerer Art, als daß ihm die Schlagworte der alltäglichen Politik
beikommen könnten. Jst es nicht sehr merkwürdig, wie dieser
Mythos von Franz Ferdinand seit dem blutigen Tage von Sera
=
jewo einen ganz andern Ton — und fast wäre zu sagen: auch einen
andern Kern bekommen hat? Die Stimmungsmomente der patri
=
otischen Erbitterung und der sentimentalen Rührung erklären die
völlige Umprägung doch nicht zur Genüge. Das hätte nur bewirken
können, daß freundlicher, zärtlicher von ihm gesprochen wird;
nicht aber, daß plötzlich ein ganz andres Bild dieser Persönlichkeit
entsteht. Der Kronprinz Rudolf, der wahrhaftig auch ein schreckliches
Ende genommen hat, ist nachher der trauernden Erinnerung geblieben,
was er dem allgemeinen Bewußtsein vordem gewesen war: ein
sehr lieber und sehr nobler Prinz von volkstümlichen Allüren und
aufgeklärten Passionen. Der Anspruch, den die Liberalen auf ihn
machten, brauchte nicht erst bestritten zu werden; sie selber haben
kaum je im Ernst daran geglaubt. Franz Ferdinand aber war vor
seinem Tode uns allen ein Mysterium, das — niemand wußte eigent
=
lich, warum — eher mit Furcht als mit Neigung betrachtet wurde.
Überall gab es faltige Sorgenstirnen, wenn von seiner künftigen
Herrschaft die Rede war; was irgendwie an demokratische, freiheit
=
liche, nationale Gruppen angeschlossen ist, fühlte sich von dem
Geheimnis dieses dunklen Menschen bedroht. Denn, wiewohl alles,
was im Lauf der Jahre über die Grundsätze und Strebungen seiner
künftigen Herrschaft verlautet hatte, nach einander restlos widerlegt
worden war, blieb doch diese zweifache Gewißheit: daß er Katholik
aus glühender Überzeugung sei, und daß er einen festen zähen
Willen habe. Daraus wurde zumeist ein streng klerikales und
zentralistisches Programm kombiniert. Zum Mißbehagen der
freiheitlichen Deutschen; denn der Klerikalismus hat in Oesterreich
seit jeher eine slavenfreundliche Tradition (und vom Einfluß der
Fürstin, die aus tschechischer Familie war, wurde eine bedeutende
Verstärkung dieser Tendenzen befürchtet.) Zum Mißbehagen der
Slaven und Magyaren; denn der Zentralismus kann ihren Wünschen
in der Verfassung und Verwaltung, im Gebrauch der Sprache bei
den Ämtern und beim Heer nicht nachgeben. Zum Mißbehagen der
Jtaliener; denn wer dem Papst anhängt, ist dem Königreich feind.
So war den Meisten in diesem Reich vor der nahen Zukunft bang;
wie wohl sie gar nicht recht wußten, was sie eigentlich zu fürchten hatten.
Denn es lag doch auf der Hand, daß alle diese Kombinationen
willkürlich und voreilig waren. Und jetzt erweist es sich schlagend,
da die bedrohlich finstern Züge, die das Bild des Erwarteten, Ge
=
fürchteten verdunkelt hatten, aus der Erinnerung an den Ermordeten
bis auf harmlose Spuren weggewischt sind. Nicht nur in den Klage
=
litaneien der Offiziösen und der Gewaltpatrioten, die ja keinesfalls
anders könnten. Nein, auch solche, die schon in latenter Opposition
waren, die oft genug, in zugespitzten Anspielungen oder mit
breitem Geschrei gegen die supponierte Willkür seiner Nebenre
=
gierung aufgemuckt hatten, malten ihn jetzt in ganz andern Farben.
Nicht bloß rücksichtsvoller, wie es das einfachste Taktgefühl gebieten
mußte; sondern auch in völlig neuem Umriß. Die Zeichnung hatte
sich nicht im Stil und im Jnhalt von Grund auf geändert. Der
finstere Autokrat, der gegen den Fortschritt der Zeit wollte, war
ausgelöscht und vergessen. Nun sprach alles von dem willens
=
kräftigen Führer, dem Neuordner und Kräftiger der Wehrmacht,
dem zielsichern Mann. Und aus den kleinen intimen Geschichten,
die immer beim Tode eines Großen aus der Verschwiegenheit
der Freundschaft und Gevatterschaft entlassen werden, fügte sich
gar der Charakter eines stillen und herzlichen Menschen, eines guten
Bürgers von zärtlichstem Familiensinn, eines sachkundigen Ver
=
walters im Großen und im Kleinen, zusammen; kurz: etwas so
bürgerlich Sympathisches und politisch Zuverlässiges, daß es zu
den frühern, an die großen katholischen Tyrannen gemahnenden
Schreckbildern auf keine Weise passen wollte. Und noch immer
wird ein glühender Glaubenseifer hervorgehoben; noch immer
wird nachdrücklich betont, daß man nicht wissen kann, wessen man
sich von ihm in der innern und in der äußern Politik des Reiches
zu versehen hatte. Aber das wird nun unter seinen übrigen Zügen
und Eigenschaften, ohne die ängstliche Folgerung bedrückender
Möglichkeiten, schlicht registriert; wird überstrahlt von der Bedeutung
dieser gefesteten Mannhaftigkeit, dieses starken Willens, dieser
ordnenden Hand, die nun jeder anerkennt.
Das ist — es muß noch einmal betont werden! — nicht etwa
nur die versöhnende Wirkung des Todes. Diese hätte das Urteil
verschleiern, abdämpfen, aber doch niemals die angeschaute Figur
moralisch von Grund auf verändern können. Hier hat sich die Sehn
=
sucht und der heimliche Glaube Oesterreichs auf eine wunderbare
Weise offenbart. Der Mann, den sie jetzt aus der politischen und der
privaten Legende als den wesentlichen Kern Franz Ferdinands
herauszuschälen sich mühen: der Mann mit dem Machtgedanken
und dem organisatorischen Willen, der Mann des starken Heeres,
der tätigen Politik, des neuaufsteigenden Oesterreich: das ist die
Sehnsucht aller, die ihr Oesterreich wollen und seiner Zukunft ver
=
trauen möchten. Franz Ferdinand hat, solange er lebte, diese Sehn
=
sucht mächtig angereizt und doch wieder in ungewisser Beklemmung
gehalten. Seine katholische Jnbrunst und die Gerüchte von der
Unbeugsamkeit und jähen Hitze seines Wollens mußten auf die
Hoffnungen derjenigen drücken‚die politisch anders zu fühlen, zu wollen
glaubten als er. Das Geheimnis, das ihn umgab, mochte diese
unausgesprochene Angst noch vergrößern und vertiefen, sodaß er
vor der Einbildung vieler als ein strenger Despot dastand, von dem
vielleicht manches Große, aber kaum etwas nach dem Herzen
der Völker zu erwarten wäre. Vor dem Getöteten schweigt die
Furcht; und ihr Gebilde — der klerikale Tyrann Franz Ferdinand —
ist ausgelöscht. Um so sicherer kann das Gefühl, von dieser Hemmung
befreit, an der ersehnten Jdealgestalt schaffen. So vollzieht sich
hinter dem klaren Bewußtsein der Öffentlichkeit die entscheidende
Wandlung. Denn die große Sehnsucht Oesterreichs ist auch nach der
Zerstörung dieses Mannes, an dem sie zuweilen mit Bangen hing,
lebendig geblieben. Sie gilt eben nicht nur dem Manne, sondern vor
allem seiner Sache: der Sache Oesterreichs. Sie richtet sich jetzt,
in der Erkenntnis, daß sie es war, die mit Franz Ferdinand um
=
gebracht werden sollte, gewaltig auf, faßt ihren Schmerz und ihren
Traum zu einem fleckenlosen Bilde zusammen und sagt: Das war
unser Franz Ferdinand, der Mann des Wissens, des Wollens und
der Tat, wie ihn Oesterreich braucht.
Eine Legende hat eine Legende abgelöst. Niemand kannte vor
=
dem, niemand kennt heute von dem Ermordeten mehr, als höch
=
stens ein paar allgemein menschliche und gut bürgerliche Züge,
die zusammen vielleicht das Fragment einer ungefähr treffenden
Charakterskizze, aber niemals den politischen Umriß einer Herrscher
=
figur ergeben. Niemand kann sagen, ob sich seine tiefe Religiosität
wirklich in aggressiven Klerikalismus umgesetzt oder nur humanitär,
villeicht sogar demokratisch geäußert hätte; niemand, ob er aus über
=
großer Päpstlichkeit Jtalien aus dem Bündnis und gar in offene
Feindschaft hätte treiben wollen — oder dürfen; niemand auch,
wie weit sich sein persönlicher Wille und seine sachliche Politik gegen
die Magyaren=Hegemonie in Ungarn hätte vorwagen können.
Denn das sind Dinge, die kein Einzelner — und wäre es der Mächtig
=
ste und Entschlossenste — allein zu entscheiden vermag; auch die
stärkste Komponente fällt niemals ganz mit der resultierenden
Kraftlinie zusammen. Aber niemand weiß auch, ob Franz Ferdinands
Herrschaft den jetzt in Schwung gesetzten Mythos vom großen Er
=
neuerer der alten Reichsherrlichkeit wahr gemacht hätte. Denn
niemand war mit seinem Wesen und seinen Gaben genau genug
vertraut.
Das Geheimnis seiner Persönlichkeit ist nicht erhellt; das
politische Problem, das Franz Ferdinand hieß, ist gewaltsam be
=
seitigt, bevor es seine Lösung selbst darbieten konnte. Eins aber
ist nach dieser Katastrophe wunderbar hell und unzweifelhaft
geworden: Der Wille zur Zukunft, der in ganz Oesterreich besteht.
Er war es, der, im bangen Zweifel zwischen unweigerlichem Respekt
und drückender Besorgnis, das Bild des Lebenden so stark schattiert
hatte. Er ist es, der jetzt die lichte Jdealgestalt des mannhaften,
zielsichern Führers so klar ausprägt und so innig umfaßt. Er hält
die ruhige und gefaßte Stimmung aufrecht, in der man nun der
endgiltigen Regelung unsres Verhältnisses zu Serbien — und allen
Möglichkeiten, die dahinter brüten — entgegensieht. Dieser Wille
zur Zukunft, der den Glauben an Franz Ferdinand geschaffen
und umgeschaffen hat, bleibt nach der Ermordung Franz Ferdinands,
zu hellem Wissen geklärt und tateifrig zusammengeballt, am Leben.
Oesterreich will bestehen; und so wird es bestehen. Länger, viel
länger noch, als ihm seine voreiligen Verächter — jeder Nation,
jeder politischen Richtung, jeder Kulturstufe — zutrauen wollen.
Die naseweisen Geschwind=Denker, die, von irgend einer auswärtigen
Redaktion nach Wien entsendet, schon beim ersten Bummel durch
die Parlaments=Halle die apodiktische Gewißheit haben, daß dieses
Reich innerlich verfallen, dem nahen Untergang geweiht und nur
von dem majestätischen Ansehen des alten Kaisers noch aufrecht
=
erhalten sei — die ahnen ja garnicht, was für kümmerlichen Unsinn
sie schwätzen. Als ob ein Volk oder ein Land, das Oesterreich zer
=
trümmern will, noch Zeit und Lust hätte, die greise Majestät zu
schonen! Müßig ist jetzt auch die Frage, was Oesterreichs Zukunft
an Franz Ferdinand verloren haben mag; müßig ebenso die nächste,
wie der junge Thronfolger ist, und was er leisten wird. Oester
=
reichs Wille zum Leben: das ist die Sicherung seiner Zukunft.
Der Mann, der ordnet und festigt, wird sich noch finden. Und wenn
auch nicht: dann werden es schon Mehrere, dann werden es vielleicht
Viele, dann werden es am Ende die Völker selber tun. Denn die
oesterreichischen Völker wollen Oesterreich; wollen, weil sie müssen.
Tschechen, Magyaren, Polen, Ruthenen, Slovenen, Kroaten —
Reichsfeinde? Aber fragt sie doch, soweit sie politisch denken können,
was denn nach der Zertrümmerung dieses Staates mit ihnen werden
soll: und der Schauder, der jeden Jntelligenten unter ihnen bei dieser
Frage überläuft, mag statt Antwort gelten. Beruhigt Euch, Schwät
=
zer von draußen! Oesterreich muß bestehen; also wird es bestehen.
Es ist verhetzt, zerrissen, geschwächt, mißleitet, überanstrengt.
Aber sein Wille zum Leben ist ungebrochen und von gesunden Wur
=
zeln. Das hat, auf eine seltsame Art, auch die Erschaffung
des Doppelmythos vom gestrengen Herrn und vom starken Führer
Franz Ferdinand wiederum bewiesen. Und wem solche Leistungen
der sehnsüchtigen Phantasie nichts gelten und nur greifbare Tat
=
sachen Gewißheit schaffen, der muß diese Tatsachen eben in unsrer
Armee, in der bessern Beamtenschaft und, trotz Geschrei und Pro
=
testen, auch in der Stimmung unsrer Völker finden können. Sie
sind zu finden!
Oesterreich wird bestehen. Nicht als das Letzte auf dem Erd
=
kreis, wie der alte Spruch gewollt hat; dieses Schicksal wäre auch
wenig beneidenswert. Aber doch viel, viel länger als alle, die ihm
jetzt den Untergang verkünden. Und gewiß noch ebenso lange,
wie die große Organisation von Völkern und Staaten, die man
jetzt das politische Europa nennt. Wird im Mittelpunkt dieses
Europa das oesterreichische Staatswesen gewaltsam vernichtet,
so muß alles andre in das große Loch, das dann entsteht, nach
=
stürzen — und der Weltteil verändert sein Wesen und sein Gesicht.
Wer unser Europa will, der muß unser Oesterreich wollen. Und
wer darüber hinaus will: der träumt von Zeiten und von Zu
=
ständen, die der sachlichen Erwägung heutiger Menschen noch nicht
erreichbar sind.
Hegel, wo er in seiner Aesthetik über das Drama handelt, sagt
da freilich ein selbstverständliches Wort, wenn er vom dra
=
matischen Dichter die größte Aufgeschlossenheit und umfassendste
Weite des Geistes fordert. Denn man braucht nur daran zu denken
(oder sollte man es vergessen haben, so erinnere man sich doch dieses
endgültigen Gedankens): daß durch Kräfte und Kämpfe der drama
=
tischen Personen hindurch das Göttliche, die wahre Allgemeinheit
sich auswirke, sodaß das Drama nur die Erscheinung und nur eine
Form des großen Zusammenhangs sei — daran denke man, und
man wird schließen müssen, daß nur dem Strebenden und Schwe
=
benden, nur dem Sehnenden und Umfangenden, nur dem, der die
innerlichste Bildung erfahren und groß und frei an ihr geworden
ist, das Drama einen Schauplatz bietet, darinnen wahrhafter Kampf
und wahrhafte Erlösung, aus einer Wurzel sich erhebend, zur reinsten
Wirkung sich zusammenschließen.
Freilich werden das selbstverständliche Worte bleiben; aber
scheinen sie nicht bloße Worte zu sein den Allermeisten, die sich
heute im dramatischen Gebiet versuchen? Das zu beweisen, braucht
man sie nur reden zu lassen; denn sie sind aus Notwehr gezwungen,
sich Verteidigungen anzuschaffen. Beim Dichter sagen sie gerne
— beim Dichter überhaupt, da bei ihnen keine klaren Bestimmungen
sind und es gleichgültig bleibt, an welchen Formen er schafft —
mache Weisheit, Einsicht, Ordnung des Schauens das Wesen nicht
aus, da sie nur Schaden und Zerstörung der losen Schönheit stiften
könnten; vielmehr habe der Dichter unbekümmert in jedem Sinne
Erlebnisse, Eindrücke der Seele zu gestalten, den verworrenen
Stimmen in seiner Brust zu lauschen und sie laut zu machen; frei
=
lich müsse er originell empfinden, das Gefühl werde ihn dann schon
führen, und es könne nicht fehlen, daß Menschen und Konflikte,
die er hingestellt habe, vom Leben tröffen, und das sei wahrlich
genug. Wenn man sie aber in die Enge drängt, indem man ihnen
vorstellt, daß nirgends in der Poesie, vor allem nicht im Drama,
gestaltetes Leben genüge, sondern überall klare Beziehungen,
weise Notwendigkeit, Wahrheit jenseits und trotz des Lebens sich
zeigen müsse, so möchten sie auch hier nicht verlegen bleiben, und
haben die alte Antwort bereit: Der Dichter brauche von diesen Dingen
nichts zu wissen; wenn er nur stark und echt das Leben, sein Leben,
eindichte, so sei, wenn auch unbewußt, Notwendigkeit da und die
Form erfüllt. Und da sie die haltlose Schwäche dieser Entgegnung
fühlen, überstürzen sie sich in Argumenten und retten sich endlich
in Vorwürfe voll zornigen Spottes, pochend auf die Unmöglich
=
keit, alte Schulbegriffe geltend zu machen in einer Zeit, deren
Tendenz Auflösung sei und fliehende Kontur.
Es ist von Bedeutung, diesem Letzten beizustimmen; es ist
allenthalben wahr. Aber da nun alles Auflösung wirkt, so hat
der begreifende Geist, der in der Bildung ist, sein großes Werk zu
tun, notwendig und wie ein Abgesandter, das Letzte, die Entschei
=
dung und die Erlösung der Jdee: er gehe daran, die Auflösung auf
=
zulösen, die eine Seite zu erkennen und ihr die andre zu geben,
die sie bestimmen soll und zur Gestaltung und Form hintreibt,
daß der Geist frei werde und in den ewigen Grenzen die schöne
Trauer der reinen Bilder sei. Da wird es müßig, nach Leben zu
fragen und nach singendem Blut und freundlichem Atem; die
Wonne am Reichtum des Seienden, jede sentimentale Gesinnung,
hat da keinen Anspruch, aufzutreten, es sei denn, daß sie sich dem
Gericht unterwerfe. Denn es geht hier um Leben und Tod, und
keiner entrinnt dem Gericht, und den Reinen trifft die eigene
Reinheit; ein Maß ist wieder zuhanden, da jeder in sich sein Recht
gefunden glaubt. Es ist zu verstehen, daß hier von der Aufgabe
des dramatischen Dichters gesprochen wird und unter Bildung eben
nicht nur die eigene Arbeit, sondern der Weg zu ihm und das seiner
Hand harrende Material mitbegriffen sind. Material aber, meine
ich zu sehen, hat diese Zeit dem Dramatiker soviel gegeben, daß
ihre Richtungslosigkeit, ihre Formverlassenheit samt allen Gaune
=
reien ihrer Künstlichkeit dadurch wenigstens eine Bestimmung ge
=
funden haben. Und wenn es nur dieses ist, daß die Seele von ihren
Leiden mehr und deutlicher zu sagen weiß; wenn nur das Subjekt
vor seiner Fremdheit und Öde mitten in diesem grenzenlosen Taumel
der Subjektivität hilfloser geworden ist; wenn nur die Sehnsucht
und der drängende Schrei nach Reinheit und Größe, nach Einheit
und festem Gebundensein immer vergeblicher klagt: so ist genug
dazu getan, daß die Zeit sich erfülle; „denn nur in dem Maximum
des Leidens kann das Prinzip offenbar werden, in dem kein Leiden
ist“. Schelling sagt dies tiefe Wort über die Tragödie, und seine
Anwendung weist in die Richtung, wo das Form= und Bestim
=
mungslose dieser Zeit Form und Bestimmung des erwarteten
Werkes wird und im Gegenbild seiner Darstellung aufgehoben
und erlöst sein darf. Was am Boden unbegnadet schwelte: der
Qualm des verweigerten Opfers, wird nun, da die Flamme in
reinlicher Sympathie das Dargebrachte verzehrt, mit steilem Rauch
zum offenen Himmel sich heben.
Aber es wird immer gefragt werden: Was gibt diesem dra
=
matischen Dichter das Recht, Richter zu sein, was ihm die Zu
=
versicht, daß auf den Gang seines Gerichtes die Gnade, die das
Höchste ist, segnende Wirkung übe? Auch hier kann nur wieder
das Wort von der Bildung die Antwort geben, und sein Begriff
wird hier das Weitere einschließen, daß er Notwendigkeit haben
müsse, nicht die innere Notwendigkeit jeder Bildung, sondern
irgendwie eine Notwendigkeit der Jdee, sodaß die Bildung nichts
andres sei, nur in andrer Form, als die Bildung des Absoluten ganz.
Denen, die solches für lächerliche Anmaßung halten, gebührt
Hegels wunderbare Zurechtweisung der Schwärmer, die von Gott
sagen, man könne nichts von ihm wissen, da er zu hoch sei. Hegel
nämlich sagte ihnen, daß sie ja dann ihre doch als ganz eitel und
ohnmächtig erkannte Subjektivität zum Absoluten selber machten;
und so halten auch unsre Widersacher, indem sie nur die armseligen
Relativitäten der Erfahrung für die Kunst gelten lassen, diese
Psychologie für die letzte Weisheit, und fühlen die heuchlerische
Vermessenheit nicht, von der sie selber besessen sind.
Aber eine tiefere Frage geht uns näher an. Wenn also der
Bildung ihr Weg gezeigt ist zur Erlösung der Auflösung in der
dramatischen Form, wie ich sagte, notwendig aus dem Grunde,
weil das Form= und Bestimmungslose nur im Drama Form und
Bestimmung werden kann, da es hier sein Gegenteil findet, so ist
dieser vorläufigen Betrachtung gegenüber der ehrliche Zweifel
am Platze: Wie aber — hier ist doch nur das Wort gegeben —
kann Schwachheit zur Stärke werden? Wie ist es möglich, daß
das Schweifende die Ruhe finde, das Grenzenlose Grenzen und
Ziel? Wird hier ja nicht das Suchen zur Aufgabe, sondern es heißt
von einem Gerichte, wo alles sein Urteil empfängt, und vor dem
Gericht verstummt jede Sehnsucht. Wie aber kann das Gericht
die Sünde der Besonderheit zur Tugend erheben, und das muß
sein; denn sonst ist das Drama keine Form des Absoluten.
Hier ist auch das technische Problem des neuen Dramas,
aber ich kann nur darauf hinweisen, nicht von ihm reden; das
Werk selber bildet sich nur aus dem Versuch. Freilich, das steht
fest, nur die Schwachheit kann Stärke werden, nur aus dem
Grenzenlosen bestimmen sich die Grenzen, und nur aus Sünde
kann Tugend werden, das ist Gesetz, wie nur aus dem Tod das
Leben ist.
Charaktere müssen wieder möglich sein. Es ist kein Zweifel,
daß der Niedergang des modernen Dramas daher sich schreibt,
seit man Menschen hinstellen wollte, nicht gut, nicht schlecht, ein
bißchen von beidem in jedem, wie eben Menschen sind, und nichts
mehr fürchtete, als feste, unverwechselbare Züge, wie Male ein
=
gebrannt im Sitz der Seele; sie schienen den Dramatikern nur
langweilige Wiederholungen, die Nuance sollte die wahre Mensch
=
lichkeit geben. Aber dem Abendland war von Anbeginn her das
Jndividuum, das bestimmte, wichtiger als die blühend und welkend
immer sich wandelnde Natur. Die Selbstbesinnung wird auf die
verlockende Fülle ihrer Unfaßbarkeit, die keiner Form sich beugen
wird, verzichten, und das Unteilbare suchen in der Flucht der
Seele, die, sei sie auch noch so zerrissen, immer doch diese Seele
bleibt. Da ist die große Freude und der große Schmerz, da ist
der Widerspruch, der in die Form eingeht. Jm Charakter ist
Freiheit und Notwendigkeit, Widerspruch und Einheit am klarsten
verbunden, und darum ist es möglich, daß seine Benennung nicht
die seelische Struktur, sondern vielmehr die Funktion in der Hand
=
lung bezeichnet. Beispiele: der Jntrigant gilt zwar als verschollene
Figur, und der Heilige bedarf keines Dramas, aber das neue
Drama braucht, in einem höheren Verstande, wieder Jntriganten
und schafft sich Heilige der Überwindung. Nicht Puppen sollen ins
Drama gesetzt werden, hier der Jntrigant, da der Heilige; sondern
der Gang des Dramas macht es notwendig, daß einer der Jntrigant
sei, aber sein Wesen ist so, daß ihm diese Schuld nichts anhat; denn
er schafft die Verwirrung, die die Handlung ist, aus einem Zwecke,
der gut oder schlecht nicht genannt werden kann, sondern nur not
=
wendig. Es könnte der Fall denkbar sein, wo er recht eigentlich der
Heilige selber ist. Die Heiligsprechung aber wird im Drama nicht
anders erkauft als mit dem Tode, der letzten Überwindung und
Steigerung. Das dramatische Prinzip ist Schaffen der lebendigen
Begriffe aus dem Widerspruch, erst im Tode sind sie befriedigt.
Wie könnte ein Heiliger handeln, da die Handlung dazu geschaffen
ist, daß jeder schuldig werde? Die mittelalterliche Weisheit, daß
der Gerechte auch mit guten Werken sündigen könne, hat hier wohl
eine tiefe Beziehung, doch soll verstanden werden, daß Gerechtig
=
keit und Heiligkeit erst zu ihrem Rechte am Ende kommen, wann
das letzte Wunder sich begibt, von dem es in der Gemara heißt,
daß es größer sei als das erste.
Bei alle dem, was hier nur vorläufig und immer nur an
=
deutend gesagt werden konnte, ist der Historiker nicht zu fürchten,
da nichts andres versucht werden soll als die Dramatisierung einer
im Drama erfüllbaren Zeit. Und alle falschen Historiker, die den
Shakespeare immer zu jeder Widerlegung bereit haben, richten
sich selber; denn sie sind auch jener Art von schlechten Heuchlern
beizuzählen, indem sie nichts andres als das Dogma der Dogmen
=
losigkeit verkünden. Die Bildung weiß aber, daß nur im Gesetz
die Freiheit ist und nur in der Form des Dramas das Leben wahr
und eigentlich zu seinem Schicksal kommt.
Weshalb ein Glas, dickes Kristall, geschliffen nach altwiener
Muster, mit Deinem Namen in meiner Schrift graviert?!
Leblose Dinge sollen Dir auch lebendig werden,
wo’s keinen Gram gibt und keine Enttäuschung!
Nicht daß Du daraus trinkest, weil ichs spendete!
Sondern eine Sache zwischen mir und Dir,
die unvergänglich ist, wie ein Gedicht von Goethe!
Du sollst am Glas Dich freuen, an der Form,
und daß es Dein ist, zu eigenstem Gebrauche;
von allen andern merkwürdig unterschieden!
Und solltest Du dabei meiner gedenken,
so kanns dem schönen Glase auch nicht schaden!
Heil Dir und Deinem Trunk!
Nicht, daß Du sagest: „Jch hab’ ein Glas, es ist von ihm!“
Sondern: „Jch hab’ ein wunderschönes Glas, und außerdem
ist es von ihm!“
Jch verstehe nicht, weshalb die Frauen so anspruchsvoll sind, in
allem?! Jch empfinde schon eine Doppel=Tür, wobei die innere
noch dick mit Werg ausgepolstert ist, einen Messing=Türverschluß
und Ohropax, Wachs=Watta=Kugel als Ohr=Verschluß=Tür, wie
ein außergewöhnliches Glück. Man hätte doch in einer Zeit leben,
vegetieren können, wo das noch nicht erfunden war. Und man hat,
man hat! Aber Frauen wollen verehrt, verehrt werden, und be
=
gehrt, begehrt werden. Was haben sie von vollständiger garantierter
Zimmer=Ruhe?! Beweist es ihnen, daß sie doch zu irgend=etwas
von Nutzen sind?! Nein. Es beweist ihnen garnichts. Aber sie wollen
bewiesen haben. Freude an Gegenständen! Wenn man ihnen
wenigstens diese ‚Kultur‘ beibringen könnte! Aber welcher Gegen
=
stand erfreut sie?! Der, den die Andere nicht hat! Einen bestimmten
Schirmgriff lieb haben können! Dazu eine geliebte Frau empor
=
erziehen! Die Mode ist für die vorhanden, die nichts wirklich lieb
haben können von Gegenständen. Man gibt diesen humpelnden
Hexen deshalb diese Krücke ‚Mode‘. Aber der freie, bewegliche
Mensch ist schwebend, mit eigenem Geschmack, über diesem Kerker
‚Mode‘. Jch sprach früher von gepolsterten Doppeltüren — ja,
auch das kann bereits glücklich machen, und es ist unabhängig davon,
daß Einen Eine gern hat! Oder Einer Eine!
So denken Sie an Jhre eigenen Arbeiten.
Dann werden Sie geschwind begreifen, wie wenig gleichgültig
Jhnen das ist. Da ist zum Beispiel Jhre ‚Trauernde‘ vom hagener
Krematorium. Der Contrapposto: in feierlichem Spiel bewegte
Arme und ein ruhig dasitzender Körper, schlechthin meisterlich aus
=
geglichen durch die Überleitung der Bewegung von den Armen
in den Rumpf, in die Beine und Füße, bis in die Zehen hinein,
von wo sie wie ein elektrischer Strom in die Erde fährt. Aber das
ist nicht alles. Deutet nicht schon Jhre Benennung auf einen
Vorgang hin, den wir sprachlich noch anders charakterisieren müssen,
wenn wir ihm näher kommen wollen? Lesen wir die Gebärde der
Gestalt nicht als Äußerung eines gehaltenen Schmerzes, einer
machtvollen, ich möchte sagen: biblischen Klage um die Toten, die
schon dahingefahren sind, und um die, so in Bälde dahinfahren
werden: Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh ... Jst es
möglich, die Bewegung hier anders als in dem doppelten Sinn
einer motorischen Aktion und einer seelischen Erschütterung auf
=
zufassen? Jst es Jhnen entgangen, daß diese Trauernde nicht nur
etwa so ‚bewegt‘ erscheint wie Jhr Giovanotto?
Nur auf eine unentbehrliche Ergänzung
unsres bisherigen Begriffs ‚Bewegung‘. Bloß als zeitlich motorische
Handlung verstanden, die vom Künstler räumlich summiert wird,
reicht dieser Begriff nicht einmal für Jhr eigenes Schaffen, ge
=
schweige denn für das grenzenlose Bereich der Skulptur überhaupt
aus. Räumliche und statische Abgewogenheit, gegenseitige An
=
gleichung der organischen Teilkräfte, Wechselverhältnis der linearen
und dynamischen Elemente genügen nicht durchaus, um plastische
Werke in ihrer Bedeutung für uns und für ihren Urheber zu er
=
schöpfen. Die Bewegung der Trauernden ist nicht bloß Jnnervation
motorischer Leitungsbahnen und Nervenfasern, nicht bloß die
dadurch ausgelöste Aktion der Muskeln, Gelenke und Knochen.
Keine plastische Summierung, keine Bewegung ist identisch mit
dem Diagramm ihrer mechanisch wirksamen Kräfte. Sie ist in
allen Fällen zugleich der Ausdruck für eine unwahrnehmbare
Zuständlichkeit, für ein beherrschendes Gefühl oder für einen
Komplex von Gefühlen, deren Träger der Organismus ist. Oder
vorsichtiger gesprochen: deren Träger auf eine nicht formulierbare
Weise dem Organismus zugeordnet erscheint. Man sieht es aller
=
dings nicht unmittelbar, was sich in dieser sogenannten Sphäre der
Jnnerlichkeit abspielt. Aber trotzdem stellt es sich ein bei der Apper
=
zeption dessen, was man sieht. Wir werden der körperlichen Wir
=
kungen des Zustands gewahr, die wir als das äußerliche Produkt
oder als die Begleiterscheinung innerer Veränderungen deuten
müssen. Alle motorischen Prozesse sind Ausdrucksbewegungen für
ein nicht unvermittelt anzuschauendes Ereignis. Von dieser rätsel
=
haften Vergesellschaftung ist kein Kunstwerk frei, weil auf ihr unser
ganzes, aus der Praxis entstandenes und ihr angepaßtes Weltbild
beruht. Wir sind durch höhere Gewalt gezwungen, allenthalben
die spontanen Veränderungen der Organismen als eine mimische
Darstellung innerlicher Vorkommnisse und Tendenzen zu deuten.
Ja, wenn ich noch eben Jhren Giovanotto der Trauernden gegen
=
überstellte, als entbehre er der Bewegung in diesem neuen Wort
=
verstande, so war das, wie ich sehe, falsch gedacht. Er kann natürlich
ebensowenig als ein bloß motorisch innervierter Mechanismus
angeschaut werden wie irgend ein andres Bildwerk. Man wird
seine statischen Qualitäten bewundern können, die flüssige und labile
Tanzhaltung, die er sich gibt, seinen schlank pyramidalen Aufbau
von den in einer Graden gerichteten Fußgelenken aus. Aber um
das Zuständliche, innerlich Entsprechende seiner Bewegung zu
beschreiben, müßte man einen Sprachausdruck von ziemlich reicher
Jnhaltlichkeit suchen und sich seiner geschmeidigen und knaben
=
haften Anmut bewußt werden, die etwas der Jungfräulichkeit
Verwandtes hat. Auch mit der Bewegung der ‚Grazien‘ verhält
es sich ähnlich. Jhre reigenähnliche Anordnung ist musikhaft, wie aus
der Melodie entstiegen. Man dürfte die in der Mitte lieblich auf
=
wärtsschwebende Gestalt eine andre Anadyomene nennen. Von den
Gefährtinnen rechts und links gestützt, gehoben und emporgezogen,
wurde sie nicht aus dem Meer, sondern aus dem Melos traum
=
schön und beseligt geboren, aus einem innern Zusammenklang der
Dinge, für welchen räumliche und akustische Empfindungen nur
Gleichnisse sind.
Jetzt glaube ich, Sie zu verstehen. Sie stellen,
parallel zu unsern vorigen Erörterungen, eine zweite Jnterpre
=
tation der Bewegung auf, die sich plastisch gleichfalls nicht un
=
mittelbar wiedergeben läßt, und die trotzdem in den artistischen
Wert einer Skulptur mitbestimmend eingeht. Bestand das erste
Merkmal unsres Begriffs in der zeitlich sukzessiven Beschaffenheit
der Bewegung, so finden Sie das zweite in der psychischen Zu
=
ständlichkeit, in der Sie alle organischen Aktionen wurzeln lassen.
Beide Eigenschaften der Bewegung sind im Grunde gleich un
=
räumlich, gleich unbildnerisch, und doch müssen beide auf Form
zu bringen sein. Wie Sie vorhin den Begriff der Summierung
zu Hilfe riefen, um ein zeitliches Vorher und Nachher an einem
simultanen Formzusammenhang verständlich zu finden, so nehmen
Sie auch jetzt zum selben Begriff Jhre Zuflucht. Sie halten dafür,
daß eine psychische Summierung der Bewegung genau durch
dasselbe Kunstmittel, durch dieselbe Transposition erreichbar sei,
wie früher die zeitliche Summierung. Die motorische Jnnervation
ist nicht die letzte Tatsache, bis zu welcher der Bildner vordringt.
Jhre optische Erscheinung ist vielmehr ganz von selbst der Ausdruck,
das Signal, das demonstrative Zeichen für ein innerlich ablaufendes
Ereignis. Die sichtbare Bewegung organischer Gestalten ist Gestus,
mimisches Symbol einer unsichtbaren Bewegung, ist Mittel der
Selbstdarstellung und der Selbstverdeutlichung. Das plastische
Kunstwerk offenbart stets eine unbildhafte Tendenz, die wir im
Bilde mitgenießen und erleben, die wir in uns während der Be
=
trachtung nacherzeugen oder, wenn Sie wollen, nachahmen. Womit
zuguterletzt der von Jhnen abgelehnte Begriff der platonischen
mimesis eine neue und beinahe einwandfreie Geltung gewönne.
Ruhe! Das Haus schläft. Ja, der Balzac.
Auch seine Bewegung ist, wie gesagt, Summierung. Aber in einem
vergeistigteren Sinne als beim Diskobol oder beim tanzenden
Satyr. Seinem Urheber ist hier eine Bewegung von unendlicher
und doch ungesuchter Symbolik gelungen. Das hängt vermutlich
mit der vollkommen passiven Haltung der Figur zusammen. Sehen
Sie zu. Der Balzac bewegt sich nicht selbst — er wird bewegt, oder
besser: er wird entrückt. Eine übermäßige Beseeltheit siegt über
die natürliche Schwerkraft und trägt den Dichter empor. Man
sieht ihn in die Höhe gleiten, ähnlich wie Franz von Assisi über
dem Berge La Vernia schwebend gesehen wurde, „manches Mal
in der Höhe dreier Ellen, manches Mal von vieren, manches Mal
bis an den Wipfel der Buche, doch bisweilen so hoch in den Lüften
und umgeben von solchem Glanze, daß man ihn kaum gewahren
konnte“. Alles, was ein begabter und empfänglicher Franzose
für diesen Poeten fühlen kann, der in seinem Vaterlande Dante,
Shakespeare oder Goethe vertreten muß, ist in der summierenden
Bewegung Rodins irgendwie enthalten. Man wird den Verfasser
der ‚Contes drôlatiques‘ darin finden, wie er die Geschichten einer
ausschweifenden Unzüchtigkeit plötzlich durch einen Aufschrei unter
=
bricht, der aus der untersten Hölle menschlicher Traurigkeit, mensch
=
licher Verzweiflung heraufgellt. Oder der Szenen betörender
Lüsternheit und unwiderstehlicher Verführung unvermutet in eine
Handlung oder in eine Gesinnung von keuscher Lieblichkeit auflöst,
um so sein gewichtiges Zeugnis abzulegen für die Unverderbtheit
und Unverderblichkeit eines geheiligten Bezirks in unsrer Seele.
Man wird ferner den genialischen Unflat, die maste Schwere
und Fülle seines vergötterten Meisters Rabelais in ihm finden,
wie die melancholischen Verstiegenheiten Swedenborgs, die glühende
und grausame Phantastik Dantes. Dieser Körper, der vor unsern
Augen aufwärts zu steigen scheint, steht in einem unbegreiflichen
Nexus mit einem Bewußtsein, das alles überschaute, was unter
der Sonne geschieht, in dessen homerischem Umfang die Spieler
und die Wucherer, die Erbschleicher und die Ehebrecherinnen,
die Huren und die Kupplerinnen, die Jobber, die Makler und die
Sklavenhändler, die Seeräuber, Rentner und Pfennigkrämer,
die Philosophen und Napoleon, die Priester und die Pfaffen,
die Politiker, Soldaten, Glücksritter und Journalisten, die Aristo
=
kraten des ancien régime und die Plutokraten des Bürgerkönigtums,
die Künstler, die Einsamen und die Dichter, ihre Stelle fanden.
Dieses makrokosmische Bewußtsein umschloß die Welt der Verbrecher
und der wirklichen Engel (‚Seraphita‘), der Wollüstigen und der
in Gott Seligen, der im Laster Erstickten und der im Geiste Ent
=
zückten — ein jeglicher von ihnen, genau wie in der commedia des
Trecento, zur Pein und Brunst seiner eigenen Hölle verdammt
oder zum Frieden seines eigenen Himmelreichs begnadigt. Balzac
verschmilzt so fremde Tendenzen wie: die empirische Sorgfalt,
den Positivismus der Engländer, die Gründlichkeit der Deutschen,
die Üppigkeit eines Renaissancefranzosen aus der Touraine, die
gesunde und klare Jntelligenz eines Aufklärers, die Hingegebenheit
und Verzücktheit einer Heiligen, die phantastische Unternehmungs
=
lust und Unbedenklichkeit eines Spekulanten, den Kulturbesitz deut
=
scher Philosophen aus der romantischen Zeit, die naive Prägnanz
eines alten Chronisten, die Übersinnlichkeit des Okkultisten und
Geistersehers, die etwas grillenhafte Liebe eines Sammlers zur
Stofflichkeit der Dinge, die verschwenderische Pracht seines großen
Bruders Delacroix, die Anmut und zugeschliffene Feinheit der
Moralisten des Dix-septième, deren Nachfolger er manchmal
ist, und schließlich einen Scharfblick für soziologische Beziehungen,
für das Bindegewebe unsrer Gesellschaft, wie ihn überhaupt kein
andrer Soziologe mehr besaß. Dies alles und noch vielmals mehr
könnte einem Rodins Balzac offenbaren, wenn es möglich wäre,
mit Worten zu explizieren, was das Auge und das ihm entsprechende
innere Gesicht zu erfassen und aufzunehmen imstande ist. Jch will
auch nicht einmal behaupten, die Form des Balzac drücke das
insgesamt aus, was ich eben anzudeuten versucht habe. Aber die
Bewegung der Gestalt, dies Aufwärtsgleiten, diese Entrücktheit
und Passivität, dieses Überblicken und Erkannt=Haben, Genug
=
Haben: sie fordern gebieterisch auf, ein inneres Bild dieses Menschen
selbsttätig zu erschaffen und es der Wucht des äußern Bildes anzu
=
gleichen. Der Balzac Rodins ist ein Befehl an uns alle, seinem ge
=
steigerten und überhöhten Wesen gewachsen zu sein, es zu ertragen
und es auszuhalten. Weh denen, die sich dieser Verpflichtung feig
entzogen haben! Der Künstler, der Bildner reinigt hier unsre
Vorstellungen, aber nicht sowohl die von Raum und Bewegung,
als gleichzeitig die von etwas ganz anderm, das zu erraten ich Jhnen
überlasse. Sie aber beneide ich fast, lieber Freund. Zwischen Dis
=
kobol und Balzac dehnt sich das unermeßliche Bereich Jhrer Kunst,
von Abend bis Morgen, von Mittag bis Mitternacht. Was steht
Jhnen nicht alles frei zu bilden und zu schaffen, um diesen Zwischen
=
raum zu füllen mit Form und Gestalt! Welch ein prachtvoller Agon
mit den Meistern der Zeiten vor unsrer aller Augen! Und welch
ein Preis, der zu erstreiten, zu ersiegen ist!
Die Schauspielerin Elisabeth Schneider, die am sechsten Novem
=
ber 1913 im zweiunddreißigsten Lebensjahr gestorben ist,
habe ich während ihrer kurzen berliner Tätigkeit mehrere Male ge
=
sehen. Zwei Abende sind mir in klarer Erinnerung geblieben. Der
eine Abend hatte seine theatralische Bedeutung freilich außerhalb
ihrer Person: es war jener merkwürdige Abend im September
1904, wo an einer berliner Vorstadtbühne Alexander Moissi —
einstweilen der deutschen Sprache nicht recht mächtig und ohne eine
Spur von Erziehung — als Hebbels Golo seine Sendung zum ersten
Male zweifellos bewies. Da spielte Elisabeth Schneider die Ge
=
noveva, sehr einfach, sehr würdig, und wenn tiefe Eindrücke aus
=
blieben, so mag das auch im Wesen dieser theoretischsten aller
Hebbelschen Rollen gelegen haben. Den Eindruck, der mich ihrem
Andenken aber dauernd verbindet, verdanke ich einer Volksbühnen
=
Aufführung, bei der sie in Lothar Schmidts Schauspiel ‚Josephine
Martens‘ die Titelrolle spielte. Das Wertvolle in diesem Stück
war seine ungewöhnliche innere Anständigkeit, die große mensch
=
liche Sauberkeit, womit hier eine Frau sich von dem Geliebten,
der sie gerne heiraten möchte, trennt — grade weil sie ein Kind
erwartet und dieses Kind, da der Mann anfängt, sie menschlich zu
enttäuschen, nicht in einer unglücklichen Ehe aufwachsen lassen will.
Diese beste Qualität des Schauspiels, diese klare, frische und ein
wenig kühle Luft: sie wurde von Elisabeth Schneider unübertreff
=
lich gut auf die Bühne getragen. Mit diesem zarten und festen,
klaren und reinen Ton ist sie mir in Erinnerung geblieben. Ein
ganz aufrechter und ehrlicher Mensch. Das war am ersten Januar
1905. Elisabeth Schneider ging dann auf sechs Jahre nach Weimar,
war noch zwei Jahre am hamburger Deutschen Schauspielhaus
tätig, und ich sah sie nicht mehr. Heute, nach fast einem Jahrzehnt
und ein halbes Jahr nach ihrem Tode, bestätigt mir ein kleines Buch,
wie glücklich mich jener Abend geführt hat, der mir den einzigen,
aber unverwischbaren Eindruck ihrer Persönlichkeit gab. Max
Lehrs, der Direktor des dresdner Kupferstichkabinetts, hat ihrem
Andenken eine kleine, bei Julius Bard verlegte, aber nicht für den
Buchhandel bestimmte Schrift gewidmet. Und diese ‚Elegie‘ er
=
neut und bestätigt merkwürdig meinen ersten Eindruck von damals:
hier hat die deutsche Bühne einen Menschen verloren, der vor allem
durch sittliche Qualitäten, durch die Geistigkeit und Reinheit seiner
Haltung etwas bedeuten mußte. Gute, klare, edle Luft war um
diese Frau.
Die Schrift von Max Lehrs ist kein literarisches Kunstwerk und
will es nicht sein. Der Lebensgang der Schauspielerin — sie war
die Tochter des einst in München sehr bekannten Schauspielers
Wilhelm Schneider — wird einfach erzählt und ihr Wirken und
Wesen mit Worten beschrieben, die aus einem tiefen, noch schmerz
=
bewegten Freundschaftsgefühl das Recht zum stärksten Ausdruck
nehmen. Dabei setzt der Stoff schon seine eigene tragische Schwere
durch, und auch der Fremdeste wird nicht unbewegt von diesem
jungen, im Leiden frohen, im Erfolg ernsten Künstlerleben hören,
das ein langes Krankenlager noch vor Ende des ersten Menschen
=
alters schließt. Mit einem „Warum?“ auf den Lippen ist Elisabeth
Schneider gestorben. Jn welchem Menschen müßte diese allge
=
meinste Menschenfrage nicht traurig nachzittern!
Darüber hinaus aber zeigt uns das kleine Buch, das nun mit
persönlichen Dokumenten, Aussprüchen, Briefen und Gedichten
der Künstlerin gefüllt ist, das einmal=einzige Wesen dieses besondern
Menschen hell und schön. Elisabeth Schneider war nicht nur eine
kultivierte, sondern eine durchaus bewußte und geistig lebende
Persönlichkeit. Man kann, ohne freundschaftlich zu übertreiben,
gewiß nicht sagen, daß die Dokumente ihres Geistes einen schöpfe
=
risch originellen Charakter tragen, aber das beinah eben so seltene
und wertvolle Schauspiel, daß die erworbenen Bildungsgüter von
einem lebendigen Gefühl, einem eigenen Erleben aufgenommen
und ernsthaft verarbeitet sind, wird man gewiß haben, wenn man
ihre Briefe liest.
Ähnlich ist es mit den Gedichten. Sie haben gewiß keinen
genialen eigenen Ton, aber sie erheben sich weit über den Durch
=
schnitt des Dilettantismus. Ein antichristliches Bekenntnis der
Seele, die nicht durch äußere Gnade, sondern durch eigene Liebes
=
kraft erlöst sein will, hat geistige Haltung; die schwangere Frau,
nähend unter dem herbstlichen Baum, der seine Blätter abwirft
um neuen Frühlingen Raum zu schaffen, ist durchaus dichterisch
gesehen; eine Regenstrophe hat echte sinnliche Gestaltungskraft im
Rhythmus; und in einem Herbstbild, wenn „durch blaue Lüfte mit
gestählten Flügeln der Wandervogel in die Weite zieht“, scheint
wirklich von der eigensten Seele dieses in Schmerzen klaren, in
Entsagung freien Menschen etwas eingefangen. Jn diesen Gedichten
sind zuweilen Nachahmungen der Romantiker, aber die meisten
und besten erinnern doch an Goethe, den man nicht nachahmen,
nur nachleben kann. Das ist ein gutes Zeichen — wie für die
Gedichte, so für den, der sie schuf.
Stärker und eigener aber als Gedankenausdruck oder lyrische
Gefühlsgestaltung scheinen mir für die Menschlichkeit dieser Künst
=
lerin Briefe zu zeugen, worin sie mit der Natur, mit ihren lieben
bayrischen Bergen lebt, fühlt und denkt. Hier wird der Grund
eines sehr starken Naturgefühls offenbar, durch das diese Frau ver
=
mochte, ihre offenbar sehr lebhaft und begierig aufgenommenen
Bildungseinflüsse zu verarbeiten, in den lebendigen Umlauf ihres
Blutes zu bringen, und so bei aller Kultiviertheit von Gebildetheit
und bloßer Konvention frei zu bleiben. Nicht aus aesthetischen
Teestuben, wo Ellen Key gelesen wird, sondern aus den Bergen
stammt die anständige gute Luft, die um sie war; und das war es
wohl auch, was man merkte, wenn sie auf der Bühne stand.
Gleichwohl war Elisabeth Schneider keine Menschendar
=
stellerin vom elementaren Schlag. Aber neben denen, deren
Körper schöpferisch genial ist, deren Ton und Gebärde Nerven
=
bahnen in uns aufreißt und unsern Lebenskern ins Schwanken
bringt, neben denen gab es und gibt es jene andre Art höchst wert
=
voller Bühnenkünstler, denen solch Werk selten gelingt, die, mehr
Repräsentanten als Gestalter des Menschlichen, durch ihre bloße
Erscheinung, den geistigen Ernst, die seelische Klarheit, womit sie
sich einer Dichtersache annehmen, auf uns wirken. Sie suchen auf
mehr geistigen Wegen Eingang in unser Jnneres, auf Wegen, die
zuletzt, wenn man dem Ganzen solcher Persönlichkeit einmal ins
Auge sieht, doch auch zur Erschütterung führen. Von diesem Ge
=
schlecht war Elisabeth Schneider. Und fast das Merkwürdigste,
wenigstens das kunstgeschichtlich Bedeutendste an dieser Gestalt ist
mir, daß sie aus einer alten Schauspielerfamilie stammt, ein Theater
=
kind war. Nun, es muß um die Kulturfähigkeit unsres viel ge
=
schmähten Theaters und seiner Mimen doch nicht so schlecht stehen,
wenn Menschen von solcher Gradheit und Schönheit des seelischen
Wuchses in Schauspielerhäusern aufwachsen können. Elisabeth
Schneider, deren schlanke, klaräugige, blonde Gestalt ganz das
versprach, was ihr Wesen hielt, hat auch nicht zufällig ihre besten
und stärksten Jahre in Weimar zugebracht. Etwas von dem guten,
edlen und schönen, sinnlich=geistigen Wesen der klassischen Zeit ist
um sie gewesen, etwas von jener klar begründeten Goetheschen
Kultur, wie es heute im neupreußischen Chaos eigentlich nur noch
bei ein paar alten, guten Professoren= und Patrizierfamilien fort
=
lebt. Und doch ist dieser Stil geistverklärter Sinnlichkeiten sicherlich
der, in den wir unsre neu erworbenen Lebensgüter bringen müssen,
wenn wir wieder ein Kulturvolk werden wollen. Jn Elisabeth
Schneiders Kunst gab es wohl Spuren jenes Epigonentums, womit
die Nachfolge Goethes bedroht, aber über solch Allzu=Glattem
gab es auch eine Kraft herb=ehrlicher Lebenseroberung, womit uns
die Nachfolge Goethes segnet. Wenn unter unsern Schauspielern
Persönlichkeiten solcher Art häufig oder gar die Regel wären, so
wäre unser Theater längst ein wahres Kulturinstitut.
So weilt noch einmal bei der Erinnerung an die früh gestorbene
Schauspielerin auch der gern, dessen eigener Anschauung ihr Wesen
nur einmal flüchtig aufgeglänzt ist. Um jene Jnnigkeit und gläubige
Treue aber, womit in dieser Elegie ihr Andenken geehrt wird,
könnte man die Tote fast beneiden. Und das Gefühl, zu dem sich
der Charakter dieser frommen Huldigung und das Wesen des
schönen, jungen, ernst=heitern Mädchens in uns vereinen — es
klingt vielleicht am besten aus in Versen, die Adalbert von Chamisso,
einer der edelsten Träger nachgoethischer Kultur, dem Wein ge
=
widmet hat, der ihm, dem schon zum Tod Bereiteten, von fremder
Hand als Liebesgabe ins Haus kam:
„Der Liebe, die dich edlen Trank gespendet,
Geweihet sei andächtig immerdar,
Und werde sonder Liebe nie verschwendet.
Mir scheint am Abend spät der Himmel klar,
Der rote Streif, das ist der Liebe Glut —
Reicht einen Trunk von meinem Wein mir dar:
Denn, wem die Liebe bettet, ruhet gut.“
„Da merkt’ ich tief betroffen:
Wer friedlich nur sich selbst bezweckt,
Macht sich bei aller Welt suspekt.
— Und bin nach Haus geloffen.“
Dr. Owlglas
1860. Durch die bläuliche Mondlandschaft wallt der Dichter.
Seine strohblonden Haare ringeln sich zu Locken, in den Händen
hält er die Leier und schlägt sie, tüm tüm. Sein sanfter Blick ist gen
Himmel gerichtet, und seine in weite Samthosen gehüllten Beine
stolpern über die Chaussee. Milchiges Licht ergießt sich über die weit
=
hingestreckte Landschaft. Horch, da tönt des Dichters Falsett: „Feins
=
liebchen, was bist du so stille, Feinsliebchen, was bist du so bloond,
es ist doch Gottes Wille, da oben scheinet der Mond ...“. Aber nicht
immer stehet des Menschen Phantasie im Gleichklang mit jener
Realität, wie sie sich zum Beispiel in den Corpus eines besoffenen
Bauern darstellt. Der Dichter achtet nicht des Wegs und fällt richtig
über unsern Krischan, der einen Kriegervereinsrausch lieber im Felde
als an der Seite seiner schmälenden Gattin ausschnarcht. Nun er
=
hebt er sich grunzend und torkelt auf den Dichtersmann zu, dessen
feucht=bläuliche Augen noch immer an der vollen Selene hängen.
„Du büs woll’n büschen duhn, wat?“ Tüm! macht die Laute,
und der Dichter will die zweite Strophe beginnen. „Feinsliebchen ..?
„Hup“, sagt der Bauer, „da schall doch glik —“, und sie kugeln alle
drei mit einander in den Graben: die Laute mit einem Wehklang,
Krischan mit einem kommunen Fluch, und der Dichter Wunibald
mit dem letzten Reim auf den Lippen. Dichter sind eben zu gut
für diese Erde.
Aber dann taugen sie nichts. Hart im Raume stoßen sich die
Sachen, und wers nicht vertragen kann, der soll seinen Laden
schließen. Bei dem heyseren Pathos einer vergangenen Zeit stört
uns nichts mehr als dies: die unentwegt gefühlvolle Empfindlich
=
keit, und kitzelt uns nichts mehr als dies: so einem glibberigen
Sänger einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Die Natur
darf diesen Kronen der Schöpfung als Hintergrund dienen, Mond
Sonne, Schilfgeflüster, Waldesrauschen — all das hat der liebe
Gott nur des Reimes wegen geschaffen, und das egozentrische
Gebrüll manches Barden störte die Stille der sommerlichen Nacht.
Später, als man die gute, beliebte Décadence kistenweise aus
Frankreich importierte, schlug die Lyrik nach innen, und man
suchte vom Zwerchfell auf= und abwärts sorgsam jedes Plätzchen ab.
Hier darf ich nun einen Menschen präsentieren, keinen Dichter =
ling und keinen Reimer und keinen Gefühlsfabrikanten, sondern
einen Menschen, einen wahrhaftigen Menschen.
An der Lyrik des Herrn Dr. Owlglaß der übrigens nicht so
heißt, scheint mir bemerkenswert zu sein, daß sie so vorsichtig und
zurückhaltend ist. Dieser Doktor ist viel zu klug, um alle Welt mit
seinem Pathos zu belästigen. Und wie Hofmiller einmal Stellen
aus Wilhelm Busch solchen aus Schopenhauer gegenübergestellt
hat, so ließe sich mit Leichtigkeit eine bittersüße Lebensphilosophie
aus den Versen des schwäbischen Medikus herauskochen. „Jeden
=
falls“, hat er einmal von sich selbst gesagt, „ist er seit Jahren als
praktischer Arzt tätig, lernte den Tod in mancherlei Gestalt kennen
und das Leben — reservatis reservandis — lieb gewinnen.“ Er
hat das Leben lieb und hat es oft gestaltet. Was ihn nicht hinderte,
eine neue Art von sozusagen intellektueller Lyrik zu schaffen, ein
Kasperletheater des Denkvermögens, worin der Verstand als Hans
=
wurst viele merkwürdige Rollen zu agieren hatte. Man wird das
in den beiden Bändchen finden: ‚Der saure Apfel‘ und ‚Gottes
Blasbalg‘ (bei Albert Langen). Jn diesen Titeln ist der ganze
Owlglaß: er weiß, daß er nur ein „hölzernes Gestell ist, das ein
Herre befingert“
„Konkreta und Abstrakta
Zaust mir der Alte aus dem Leib.
Und hat er satt den Zeitvertreib,
Dann legt er mich ad acta.“
Und er weiß, daß er, wie es bei Grimm heißt, immer lustige
Streiche machen soll, damit die Leute lachen; „und wenn sie mir
einen Apfel reichen, und ich beiße hinein, so ist er sauer“. Muß
Einer erst Arzt sein, um diesen Zwiespalt von Körper und Seele
ganz zu empfinden, die ewige Lächerlichkeit des Daseins, das Duo
von Stoff und Geist?
Und nachdem er das alles gesagt hat, wie das so hinieden bestellt
ist, und wie bitter es sich rächt, wenn man sich unabhängig glaubt —
„Fliegst du mal so zehn Minuten
Quasi ungebunden,
Mußt du nachher kleben, bluten
Dreiundzwanzig Stunden!“
— nachdem er das alles gesagt hat, darf er sich erlauben, uns auch
einmal eindeutig und lyrisch zu kommen. Das Beste davon steht
gleichfalls in ‚Gottes Blasbalg‘ und in dem großen Band: ‚Von
Lichtmeß bis Dreikönig‘, den Rudolf Sieck wunderschön illustriert
hat (bei Albert Langen).
Hier ist die Natur keine Kulisse, hier fühlt man wirklich, wie
ein Mensch am See entlang schlendert oder durch eine blühende
Wiese, und er hat gar keine Leier in der Hand, sondern er raucht
eine Zigarre und pafft und sieht liebevoll jede junge Birke an
— bedenkt es bei sich und erinnert sich ...
„Das Jetzt zerfließt wie Flocken auf der Hand
und sickert in den nimmersatten Sand.
Dein Hämmerlein fügt zierlich Glied an Glied,
Erinnerung, du Gold= und Silberschmied.“
Solche Gedichte wie den ‚Vorfrühling‘ und ‚Altes Nest am
Morgen‘ kann man nicht machen. Die müssen wachsen. So etwas
entsteht langsam, und eines Tages ist dann zufällig der letzte Ausdruck
dafür da. Und es ist ein Lied, und man möchte es gesungen hören.
„Und hab’ ich denn nicht Haus noch Rast
Noch Ruh des Herzens,
So leg ich mich nieder am Waldesrand,
So streck’ ich mich aus im Ufersand.“
Wenn man verurteilt ist, die schmalen Bände in der großen
Stadt zu lesen, dann mag man tiefer atmen und an Mörike denken.
Aber der lebt nicht mehr; auch ist Owlglaß noch etwas anders.
Es hat Keiner so nachdenklich die Sehnsucht geschildert und sie mit
leiser Selbstpersiflage verspottet, und es hat Keiner so beruhigend
und so voll und warmblütig von der endlichen Erfüllung gesprochen.
Die Stelle ist ein Höhepunkt seines Werkes. Ein schönes Bild von
Sieck steht dabei, grau und blau, in matten Farben — die Worte
aber heißen so:
„Jhr habt euch still und heimlich weggemacht.
Nun glänzt um euer Glück die helle Nacht
und süße Ruh.
Der Fluß rauscht fort und fort in eurem Traum.
Leis fällt ins Gras die reife Frucht vom Baum
und rollt euch zu.“
Und ich möchte euch bitten, mit mir einen stillen Gruß hin
=
überzuschicken nach Fürstenfeldbruck bei München.
Glückliche! Jn sieben Tagen dürfen sie das Dasein durchkosten!
Unverdünnt, in tödlicher Dosis.
Süß verliebte Kinder sprechen leise, zärtlich leise, o, so zu
=
traulich mit einander, heimlich, heimlich — niemand darf es hören!
Süß verliebte Kinder dürfen nicht mit einander spielen. Die
Erwachsenen zerstören plump das seltene Liebesgebilde. Die
Erwachsenen dulden nicht schuldlose Seligkeit! Nächtliches Himmel
=
reich ist von feindlichen Tagen bewacht. Tod ist der Liebenden Heimat.
Ein geistreicher Schriftsteller, den seine Vortragsreisen durch
ganz Deutschland führen, schrieb sich einmal scherzeshalber in
das Gästebuch seines Verlegers ein als: X. Y., Commis voyageur
en litérature.
Es ist heut Mode, daß „erfolggekrönte“ Schriftsteller im Jn=
und Ausland mit Anträgen und Aufforderungen verfolgt werden,
Vorträge zu halten oder Vorlesungen aus eigenen Werken zu ver
=
anstalten. Und gemeinhin geben die Autoren diesen Anerbietungen
gerne statt, denn sie sind ehrenvoll und bringen Gewinn. Und
außerdem gibt es einen angenehmen kleinen Kitzel, so seine eigene
Bedeutung zu propagieren und seinen eigenen Ruhm spazieren
zu führen. Heute in Oberlahnstein, morgen in Neutomischl. Jmmer
gekannt und immer genannt. Auf den Bahnhöfen wird man von
literarischen Festkomiteeterichen abgeholt; im Hotel bekommt
man das größte Zimmer und das beste Wiener Schnitzel; in den
Buchläden des Städtchens liegen allenthalben die eigenen Werke
aus (bei Städten unter fünftausend Einwohnern mit der An
=
kündigung versehen, daß der Dichter „der bekannten Romane ...“
heut Abend im Freundschaftssaale vorlesen werde); kurz und
wieder einmal: es ist eine Lust, zu leben.
Was Wunder, daß sich darum unter den Poeten unsrer Tage
mehr und mehr die Sitte einbürgert, geistige Musterkoffer bereit
=
stehen zu haben, damit der Dichter, an den heut die Einladung er
=
geht, morgen im östlichsten Osten der Monarchie Kultur und Kunst
zu verbreiten, bloß Frack und weißes Hemd zu packen und im übrigen
seinen Musterkoffer zur Hand zu nehmen braucht, um seelenver
=
gnügt als Beglücker ferner Geistesarmut abzudampfen.
Der geistige Musterkoffer gehört unbedingt zu einem wohl
=
geordneten modernen Dichterhaushalt. Man kann darin gang
=
bare und weniger gangbare Artikel führen. Die Hauptsache ist,
wie bei jedem gewiegten Geschäftsreisenden, daß man sein Pub
=
likum und die Konjunktur kennt.
Es gibt Poeten, die ausschließlich mit eigenen Erzeugnissen
reisen. Andre hinwieder, die daneben fremde Waren mit sich
führen und einem p. t. Publikum unterbreiten. Aber auch die
politische Branche hat tüchtige Reisende und Exporteure. Der eine
reist in Sachen des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten
Wahlrechts; der andre für Hebung der Landwirtschaft; der dritte
mit dem neusten Dessin: Geburtenrückgang.
Jn der Poesie erwies sich bis vor kurzem ‚1813‘ als starker
Konsumartikel. Abschnitte aus Aviatikerromanen, überhaupt tech
=
nische Stoffe, belletristisch behandelt, „ziehen“ gut. Wohingegen
Romantik wenig „gefragt“ ist.
Es kommt nun eben nur darauf an, daß jeder Einzelne seine
Kundschaft gut kennt.
Ach, es hat so etwas Rührendes und Erhebendes, am Abend
in feierlicher Rhetorenhaltung an blumengeschmücktem Redner
=
pult den Ruhm der Nation zu vertreten. Man ist ganz Volk der
Dichter und Denker. Wichtige und unruhige Herren mit Rosetten
im Knopfloch — es gibt sicher kein Land der Erde, wo so vielfältig
geschmückte Knopflöcher getragen werden wie in Deutschland —
laufen umher und stiften Unordnung. Dafür sind sie Saalordner
von Beruf. Dann kommen die Honoratioren der Stadt und um
=
dröhnen den gefeierten Gast mit wohlgemeinten Huldigungen.
Jeder hat einmal einen Buchtitel von ihm gelesen und bringt ihn
nun falsch an. Und der Dichter läßt das ölig geschmeichelte Lächeln,
das er ebenfalls im Musterkoffer für diese Gelegenheit mit sich
führt, nicht von den Lippen gleiten.
„Sehr richtig, Herr Stadtrat ..... Mit dem größten Ver
=
gnügen, Herr Kommerzienrat ..... Nachher zum Feierschoppen
im Roten Roß ..... Jch weiß wohl, Herr Amtsgerichtsrat“.
Jm Auditorium überwiegt, wie bei solchen Anlässen immer,
das weibliche Element. Behäbige Bürgerinnen, bespitzt, bebändert,
mit Rüschen, Falbeln und sonstigen Posamentierornamenten an
allen möglichen und unmöglichen Stellen. Die Kleiderstoffe, die
sie tragen, wirken solide und durabel. Sie erinnern von fern an die
unzerreißbaren Bilderbücher, die man Kindern mit Vorliebe zu
schenken pflegt. Jn den umfangreichen Ridicules knistert es verdächtig,
wie von den verschämten Pergamenthüllen nahrhafter Butter
=
stullen. Zwischen den satten Bourgeoisen, die es sich gestatten können,
auch hie und da einmal einen Leckerbissen Literatur zu zerbröseln
(sein Wohlgeschmack wird übrigens überschätzt), sitzen hagere, spitz
=
nasige alte Jungfern mit hungrigen Augen und verdorrten Lippen.
Jhre Körper sind dürr, des blühenden Fleisches asketisch entkleidet,
und wirken wie Lehrtafeln für vergleichende Anatomie. Das sind
die eigentlich Verständnisvollen, die Fanatischen, die nach dem
Manna der Kunst sehnsüchtig Verlangenden — zumeist alt gewordene
Lehrerinnen, kleine Malerinnen oder so irgendetwas von neben dem
Leben her, das selbst einmal in verschwiegener Stunde ein paar
kümmerliche Reime zusammenschustert und dazu beseligende
Sappho=Träume spinnt, und das nun vom Rednerpodium her
wieder einmal die Offenbarung, für eine Wüstenstrecke Wegzehrung
ersehnt.
„Und dann die jungen Mädchen ......“. Kurzröckig, lang
=
zöpfig, heißwangig kichert, tuschelt, raschelt das in den Reihen.
Für die jungen Mädchen ist der Erwartete — ob braun, ob blond,
der freisliche „Held“, den sie schon seit Wochen mit kühnsten Hoff
=
nungen umranken, und den sie nach Schluß des Spektakels mit
dem Losungswort ‚Autogramm‘ inbrünstig umdrängen werden,
bis er, mürbe geworden, seinen unleserlichen Namenszug zwei
=
hundertmal in ihre vielbeschriebenen Mädchenstammbücher und
ihre noch ganz unbeschriebenen Mädchenherzen kritzelt.
Ja, es gibt doch Momente, in denen es wirklich hübsch sein
muß, Held eines großen Tages und einer kleinen Stadt zu sein.
Die Klingel des verantwortlichen Leiters der Veranstaltung
ertönt. Ein Glas Zitronenwasser wird postiert. Der Vortragende
verbeugt sich. Schneidig, mit knackender Hemdbrust.
Und dann springen die Schlösser des Musterkoffers auf. Und
ausgebreitet werden der Herrlichkeiten viele. Nur sich nicht etwa
im Artikel vergreifen! Nicht für Mückenroda herauslangen, was
doch für Eisengundloch bestimmt ist! Aber nein, das kommt nicht
vor. Davor schützt schon die Routine, die schlangenhäutige Sklavin
und Gebieterin der berühmten Mannes. Wenn er sich selbst irren
sollte: sie hilft ihm aus der Klemme, schiebt ihm unaufdringlich
das richtige Muster zu. Und tadellos funktioniert der Automat.
Der Automat des Tagesruhms. Der Obolus des Bildungsphilisters
wird oben hineingesteckt, und unten kommt die Chocoladenpoesie
oder Poesiechocolade (wie man will) heraus. Und nun sitzen sie
alle und knabbern und knabbern.
Die Apoplektischen glänzen, so etwas speckig geworden, vor
Hitze und Aufregung, im Vollbewußtsein ertragenen Genusses.
Die Hektischen haben kleine, ekstatische Lichter in den sonst glanzlos
geweinten, vom Leben trüb gewordenen Augen. Und die jungen
Mädchen freuen sich, ohne zu wissen, warum, und sie haben keine
Ahnung davon, daß sie die eigentliche Dichtung im Saale sind.
Gottgeborene Gedichte, Eigengewächse der Natur, echter, wahr
=
hafter und unverwüstlicher als alle Automatenchocoladenpoesie.
Der Musterkoffer klappt zu. Wird selbigen Abends als Eilgut
nach der nächsten Station geschickt.
Der glückliche Jnhaber aber des praktischen Gepäckstücks —
Passepartout des Erfolges — holt sich am Stammtisch im Roten
Roß den Brummschädel, der zu den unvermeidlichen Begleiter
=
scheinungen einer Tournee in Sachen eigenen Ruhms gehört.
Am nächsten Morgen reist der Dichter seinem Koffer nach.
Und mit ihm fliegen die Träume einer verhutzelten Lehrerin von
fünfundvierzig und eines mollerten Backfischs von fünfzehn Jahren.
Weh ihm, wenn er nicht Dichters genug ist, um zu wissen, daß
dieses die edelsten Blüten der Poesie sind, deren Samen er streute.
Eine Zigeunerin hatte mir einst wahrgesagt: ich würde Jahre
tiefsten Schlamassels erleben — dann aber fünf Minuten
erben und reichlich belohnt für alle Trübsal sein.
Meine Erfahrungen mit Tante Emmy ließen mich eine Zeit
=
lang an der Prophetengabe der Zigeunerinnen zweifeln. Mit
Unrecht.
Es starb meine Tante Berta, eine brave Frau, die ihr ganzes
Leben hindurch gespart und eines Morgens ihr Dasein kurz ab
=
gebrochen hatte, um mich zu beglücken. Jch war ein gemachter
Mann.
Acht Tage später nahm ich mit Herrn Kommissionsrat Gerlich
— einem Schulkameraden, der mich seit Tante Bertas Tod wieder
duzt — im Restaurant Splendid mein Diner.
„Mensch,“ sagte er plötzlich, „ich glaube gar, du wirst kurz
=
atmig.“
Merkwürdig. Sollte das schon die Herzverfettung sein? Vor
einer Woche hatte ich doch noch den Lexikonband „Henke bis Juxta“
aufgeschlagen, um die Symptome des Hungertyphus mit meinem
Zustand zu vergleichen.
Doch mein Leben ist zu kostbar, und für meine Gesundheit ist
mir nichts zu teuer. Jch beschloß, sofort einen Spezialarzt für
Herzkrankheiten aufzusuchen.
Doktor Löwinger bewohnt das erste Stockwerk eines gediegenen
Hauses an der Residenzstraße. Die Treppe ist mit Läufern belegt.
Reiner Luxus, denn die Leute, die zu Doktor Löwinger kommen,
fahren im Lift.
Des Doktors Perücke ist in der Mitte abgescheitelt und um
=
rahmt eine Stirn mit sokratischen Weisheitshöckern. Unter dem
üppigen Blondhaar kommt eine goldblitzende Brille hervor, weiter
unten ist dann das Antlitz.
Ein kluges, ein freundliches Antlitz. Wenn sich Doktor Löwin
=
ger mit lebhaften Gesten verständlich macht, spiegeln sich Entsetzen,
Beruhigung, Trost und Hoffnung mild und farbenreich in seinen
Mienen wieder.
„Herr Professor halten also den Fall nicht für unbedingt aus
=
sichtslos?“
Er klopft an meine Rippen, und ohne auf mein „Herein“ zu
warten, sagt er:
„Unbedingt aussichtslos? Nein. Aber Jhr Zustand ist, ge
=
linde gesagt, nicht unbedenklich. Ein guter Engel hat Sie im
letzten Augenblick, wo eine Rettung möglich ist, zu mir geführt.
Sie sind kerngesund, alle Organe funktionieren tadellos. Jhr
Herz allein ist fehlerhaft konstruiert. Jch werde Jhnen ein Medi
=
kament verschreiben, davon nehmen Sie morgens, mittags und
abends einen Eßlöffel.“
Nach einer kurzen Zeremonie, die zwanzig Mark kostete, war
ich entlassen.
Schon ehedem war mir eine Art Summen in den Ohren auf
=
gefallen, das an das reibende Geräusch einer fernen Kaffeemühle
erinnerte. Seit ich Doktor Löwingers Medikament nahm, ver
=
stärkte sich das Summen mit jedem Tag — ich hatte die Empfindung,
als führe mir morgens, mittags und abends der Orientexpreßzug
durch den Kopf.
Ein so lebhafter Eisenbahnverkehr im Jnnern wird auf die
Dauer unangenehm. Jch fragte einen Ministerialsekretär um Rat
— einen alten Schulkameraden, der mich seit einiger Zeit ebenso
intensiv auszeichnet, wie er mich früher ignorierte — und der Herr
Sekretär gab mir eine Karte für Doktor Pomeisl mit.
Doktor Pomeisl wohnt nicht ganz so elegant wie Doktor
Löwinger, ist aber ein durch seine Kenntnisse und seine Grobheit
doppelt berühmter Spezialarzt für Ohrenleiden.
Als ich bei ihm eintrat, brüllte er mich, als wäre er ein Nebel
=
horn, an — er hielt mich offenbar für taub. Jch klärte ihn höflich
auf — da wurde er um eine Nuance gröber. Jch schilderte ihm
mein Herzleiden — er sagte, ich sei verrückt.
„Herzkrank sind Sie? Jhr Herz ist gesund wie ein Fisch. Ein
schweres Ohrenleiden haben Sie — das ist alles. Jch könnte Sie
operieren, indem ich Jhre beiden Gehörorgane einzeln heraus
=
nehme, reinige und wieder einsetze. Aber ich wills, so dringend ein
rücksichtsloser Eingriff indiziert ist, zuerst mit Güte versuchen. Hier
haben Sie ein Rezept — Sie bekommen in der Apotheke eine
Flüssigkeit, von der nehmen Sie einen Eßlöffel, so oft der Orient
=
expreßzug durchfährt.“
Jch tat es eine Zeitlang, bis ich auf gewisse Signale aufmerksam
wurde, die sich seit dem Besuch bei Doktor Pomeisl regelmäßig
einstellten. Jch sah nämlich, wenn der Zug im Einlaufen war,
ein großes, grünes Licht — „Vorsicht! Langsam fahren“ — hin
=
gegen, wenn der Zug die Station verließ, zwei riesige rote Deckungs
=
laternen.
Auf einem Herrenabend in meiner Wohnung erzählte ich
einigen neu erworbenen Freunden davon. Alle beschworen mich,
meine Gesundheit um Himmels willen nicht zu vernachlässigen —
ich würde es sonst früher oder später zu bereuen haben — und ich
entschloß mich, einen Spezialarzt für Nervenleiden zu konsultieren,
den Hofrat Doktor Herzberger.
Jnfolge einer Verwechslung, an der ich keine Schuld trage,
geriet ich aber zum Augenarzt Doktor Herzfeld.
„Herr,“ sagte er, „loben Sie Jhre Freunde und noch mehr
Gott, daß man Sie an mich gewiesen hat. Sie verdanken diesem
Besuch Jhr Lebensglück. Sie sind weder herzkrank noch auch
ohrenkrank und am wenigsten nervenleidend — Sie laborieren
einfach an einer akuten Störung des Sehvermögens. Solange die
Störung frisch ist, ist sie behebbar — morgen wäre es vielleicht
zu spät gewesen. Jch verschreibe Jhnen ein Pulver, von dem
nehmen Sie täglich sechs Stück — jedesmal vor der Ankunft und
nach der Abfahrt des Zuges eine Dosis. Sollten Sie daraufhin ein
Wirbeln im Gehirn verspüren, so lassen Sie sich dadurch nicht im
mindesten aufregen — Sie werden sich im Laufe der Jahre daran
gewöhnen. Ungefähr eine Stunde nach der Abfahrt, wenn der Zug
in der nächsten Station hält, hört das Wirbeln übrigens von selbst
auf. Bei manchen Patienten geht ein leichtes Zwicken im Rücken
=
mark nebenher — bei Jhnen wird es vielleicht ausbleiben. Jeden
=
falls seien Sie nicht überrascht und tragen Sie es mit Würde.“
Jch bezahlte, nahm herzlichen Abschied und zu vorgeschriebener
Stunde das Pulver.
Es kam das angekündigte Wirbeln. Jch fuhr bis zur nächsten
Haltestelle mit — das Wirbeln dauerte an. Auch das Stechen im
Rückenmark blieb nicht aus — ich hatte das Gefühl, dritter Klasse
zu fahren, in einem zu unruhig gebauten Wagen. Wenn ich aus
dem Fenster sah, lief die Landschaft vorüber und schien sich vor
Lachen zu krümmen, außerdem tauchten auch immer die bunten
Signale auf: grün für „Vorsicht! Langsam fahren“ und die riesigen
roten Deckungslaternen.
So fuhr und fuhr ich drauf los. Auf einer wirklichen Reise
wäre ich sicherlich schon in Adrianopel gewesen.
Da, bei Burgas, verspürte ich einen furchtbaren Choc.
Wir waren entgleist.
Jch begab mich nun doch zum Nervenhofrat. Er gratulierte
mir zu meinem glücklichen Jnstinkt, der mich knapp vor dem ge
=
wissen Tod noch zu ihm getrieben hätte, und verordnete mir eine
Kaltwasserkur mit einem breiigen Medikament. Es zog mir die
Kehle zusammen.
Darum befragte ich einen Halsspezialisten. Er gratulierte
ebenfalls, pinselte mir den Hals — als einzigen kranken Teil meines
Körpers — und gab mir Pastillen, die nach bittern Mandeln riechen
sollten.
Jch roch nichts. Der Nasenspezialist sagte mir: selbstverständ
=
lich könnte ich es nicht riechen, denn ich hätte alles in allem einen
lebensgefährlichen Nasenpolypen. Er behandelte mich danach.
Um diese Zeit — als alle Doktoren gesprochen und jeder sein
Spezialorgan als Quelle meiner Krankheit bezeichnet hatte —
um diese Zeit begab es sich, daß ich meinen guten Onkel Franz
besuchte.
Der alte Franz Prohaska war eines Musikanten Sohn aus
Urfahr und alle seine Tage Pumpenmechaniker gewesen. Er hatte
sich dann zur Ruhe gesetzt und widmete sich stillen Betrachtungen,
Onkel Franz hörte meine Klagen an. Plötzlich, ohne ein
Wort zu sprechen, stieß er mir ein meterlanges Rohr in den Schlund
und pumpte mir den Magen aus.
Da fühlte ich mich unbeschreiblich wohl.
Es war aber auch die höchste Zeit zu der Prozedur gewesen.
Jn meinem Magen hatte sich durch chemische Verbindung all
der geschluckten Medikamente Dynamit gebildet.
Noch ein Tröpfchen, noch eine Eisenbahnfahrt, sagte Onkel
Franz, und ich wäre unabwendbar in Atome explodiert.
Aus einer Sammlung von Geschichten und Scherzen, die unter
dem Titel ‚Die verfolgte Unschuld‘ mit Bildern von Walter Trier im
Verlag der Lustigen Blätter zu Berlin erscheint.
Dunkel gehen meine Wege,
Und ich weiß nicht, wo sie enden,
Strecke oft nach fernen Händen
Meine leeren Hände aus,
Und ich finde nicht nach Haus.
Dunkel gehen meine Wege.
Schon erloschen alle Sterne,
Hinterm Berg beginnts zu tagen.
Ach, was frommt es, länger fragen,
Wo ein Obdach, wo ein Ziel.
Häuser sind und Herzen viel.
Schon erloschen alle Sterne.
Ach, was frommt es, länger fragen!
Jrgendwo an meinen Wegen
Wartet Glück und wartet Segen,
Herz und Haus und Gruß und Hand —
Weiß nicht Stunde, weiß nicht Land.
Ach, was frommt es, länger fragen.
T. K. Jch habs Jhnen doch immer gesagt, daß das Buchhändler
=
börsenblatt das eine von den beiden deutschen Blättern ist, bei denen man
in jeder Nummer auf die Kosten kommt. Jetzt wieder: „Verbotene deutsche
Bücher in Rußland. B. Teilweise verboten. 1. Dehmels Gesammelte Werke.
Zulässig nach Ausschnitt der Seiten 190—195 und 200—201 des ersten,
85—86 und 90—91 des zweiten Bandes. 2. Kalender zu Ehren der hoch
=
heiligsten Herzen Jesu und Maria für das liebe Volk auf das Jahr 1914.
Mit vielen Bildern und Jahrmarktsverzeichnis. Zulässig nach Schwärzen
von Seite VI, Spalte 1, Zeile 6—8 von oben. 3. Walter Turszinsky: Der
Plumpsack geht rum. Gedichte. Zulässig nach Ausschnitt der Seiten 123—127
sowie der angefügten nicht paginierten Seiten. 4. Wilhelm der Zweite, wie
er geschildert wird, und wie er ist. Von einem alten Diplomaten 469 Seiten.
Zulässig nach Ausschnitt der Seite 31.“ Tja, was mag da wohl so gefährlich sein?
D. T., Wien. Jch mische mich ungern in Angelegenheiten, die ich nicht
bis ins Detail übersehen kann. Also müßt Jhr Euern ‚Fall Korngold‘ schon
allein durchführen. Wenn Jhr der Meinung seid, daß der Musikkritiker der
Neuen Freien Presse sein Urteil über die Kompositionen seiner Kollegen
davon abhängig macht, wie diese über die Kompositionen seines Sohnes
urteilen, so müßt Jhr dem Mann so lange zusetzen, bis entweder er Euch
verklagt oder sein Blatt eingreift. Aber die Konsequenz, die dazu nottut,
traut Euch niemand zu. Denn hättet Jhr von dieser Tugend, so würdet Jhr
nicht bei Herrn Korngold stehen bleiben, sondern Euch die vielen Kritiker
Eurer Stadt vornehmen, die es erheblich ärger treiben und nicht einmal die
Legitimation irgend eines Talents und die Entschuldigung des Temperaments
für sich haben.
M. S., Zürich. Das ist freilich eine ganz interessante Ergänzung zu
Paul Stefans Mitteilung über die Scheu der russchen Postbeamten vor dem
Zarenbild auf den Postwertzeichen. Jn ‚Arbitrage‘, einem Handbuch von
Otto Swoboda, heißt es: „Der Familienname des Kaisers von China darf
auf den Münzen nicht genannt werden, wie es auch dem Anstandsgefühl
der Chinesen widerstrebt, ein Geldstück, das doch durch alle Hände geht, mit
dem Bildnis des Herrschers zu versehen.“ Aber wenn Sie hinter Stefans
Titel ‚Barbaren‘ ein Fragezeichen vermissen: das Fragezeichen stand un
=
sichtbar da.
Erich Mühsam. Schade, daß auch Sie mir unmöglich machen, mit
Jhnen zu polemisieren, da Sie es, um mich Jhren Lesern als blasierten
Tapergreis hinstellen zu können, mit der Unwahrheit halten müssen. Jawohl,
mit der Unwahrheit. Denn Sie schreiben in der Juli=Nummer Jhres ‚Kain‘:
„Von der Großartigkeit der dem ‚Simson‘ zugrunde gelegten Jdee, nach
der erst dem geblendeten Titanen die Augen über die geheimsten Dinge auf
=
gehen ... hat Jacobsohn keinen Hauch verspürt.“ Das schreiben Sie, nachdem
Sie bei mir gelesen haben: „O, eine edle Himmelsgabe ist das Licht des Auges,
da ihr Besitz beglückt und ihr Verlust vertieft. Blind sieht Simson klar, wie
blind er sehend war. Man macht sich auf ein modernes Gegenstück zu Calderons
‚Leben ein Traum‘ gefaßt. Mystische Abgründe könnten sich öffnen. Das
Dasein müßte schauerlich verwandelt an dem innern Aug‘ eines Menschen
vorüberziehen, den Schmerz und Einsamkeit geklärt, geadelt und vertieft
haben. Verstickungen lösen und knüpfen sich neu, Leid spricht in dichterischen
Zungen, ein Gefühl erhöhten Menschentums wird unermeßlich weit, und
das Leben ist eine Traumlosigkeit, eine untrügliche zuverlässige Vision der
augenlosen Kreatur.“ Mir scheint danach, daß ich „von der Großartigkeit
der dem ‚Simson‘ zugrunde gelegten Jdee“ einen mindestens so starken Hauch
verspürt habe wie Sie. Der Unterschied zwischen uns ist der, daß ich als Kunst
=
kritiker niemals auf die poetische Gestaltung einer Jdee verzichte, die man für
Sie, den kunstfremden Politiker, nur nackt und lehrhaft auszusprechen braucht,
um Sie bereits zum begeisterten Gefolgsmann zu haben. Aber Sie setzen
auf die erste Unwahrheit eine zweite: „Das sind sehr schmerzliche Erfahrungen,
umso schmerzlicher, wenn man vergleicht, was diejenigen, die nun angeblich
der wohlverstandenen wahren modernen Kunst zuliebe von Wedekind abrücken,
gegen ihn auf den Sockel heben. Für Jacobsohn ist Carl Sternheim der große
Dichter unsrer Tage.“ Das schreiben Sie, nachdem Sie bei mir gelesen haben:
„... Dieser Snob hat eben nicht die Existenz, die sogar überraschende Eigen
=
schaften sofort glaubhaft macht. Er hat keinen Humus, aus dem eine Blüte
dieser Art plötzlich herauswuchert und in dem Grade dazusein berechtigt ist
wie jedes Unkraut unsres lieben Herrgotts. Der kalkulierende Snob ist selbst
kalkuliert ... Auch dieses Mißverhältnis zwischen Sprache und Kunstgattung
trägt dazu bei, das Stück grobfaserig und widerspruchsvoll zu machen. Jn
manchen Situationen klappert das Skelett des überwundenen Konversations
=
schauspiels ... Man hat das Gefühl: Wäre Sternheim geschwätziger, so ver
=
riete er, daß er nicht genug zu sagen hat ... Sein Fehler, einer von den vielen
Fehlern dieser Komödie ... daß Sternheim die Tupf=Technik der Episode ...
auch dort anwendet, wo sie zu klein ist, also kleinlich wird ... Hier, wo der so
=
ziologisch interessierte Satiriker am meisten gewollt, wo er den Hauptrepräsen
=
tanten der Gegenwart, den Vertreter eines unbegrenzt erfolgreichen Ame
=
rikanismus zu zerrbilden geplant hat: hier hat sich einmal gerächt, daß er
seine Geschöpfe weder liebt noch haßt ... So ist der ‚Snob‘ nur ein kühles,
kokettes, grelles, unausgeglichenes, freilich stellenweise, streckenweise,
szenenweise überaus amüsantes Theaterstück geworden.“ Das wäre der ‚Snob‘.
Aber auch meine Kritiken des ‚Don Juan‘, der ‚Hose‘, der ‚Kassette‘ und des
‚Bürger Schippel‘ müßte man fälschen, um zu der Behauptung zu gelangen,
daß für mich „Carl Sternheim der große Dichter unsrer Tage“ ist. Wenn man
freilich als Publizist dafür zu sorgen hat, daß die münchner Cafés die ganze
Nacht geöffnet bleiben, verliert man allmählich die Fähigkeit, aesthetische
Untersuchungen in deutscher Sprache richtig zu lesen. Nehmen Sies, Erich
Mühsam, als ein Zeichen meiner alten Hochachtung, daß ich, wider meine
ursprüngliche Absicht, nun doch mit Jhnen polemisiert habe, und retten Sie
sich aus der Sumpfluft Münchens, die Talent und Charakter verdirbt, bei
=
zeiten zurück in unser Berlin, wo ich Jhnen den Brief zeigen werde, den mir
Wedekind über meinen „Frontwechsel“ — wie Sie den Verfall Jhres Dichters
nennen — geschrieben hat, und aus dem eine unvergleichlich feinere Einsicht
spricht als aus Jhrem subalternen Geschwätz.
L. K. Die Nordisk=Film=Company hat angekündigt, daß sie „mit
Rücksicht auf die bedrängte Lage der Kinobesitzer die Preise für ihre Films
bis zu fünfzig Prozent ermäßigt“. Der Anfang vom Ende. „Fast täglich
erleben wir, daß Kinotheater schließen müssen, weil ihre Einnahmen ihre
Auslagen nicht zu decken vermögen.“ Erinnern Sie sich noch, wie Sie mich
auslachten, als ich diesen Verlauf vor anderthalb Jahren hier voraussagte,
wie Sie mich schmähten, daß ich unablässig dazu beitrug, dieses Ende herbei
=
zuführen? Où sont ...? Und was wird Jhr und Jhresgleichen nächster
Reinfall sein?
E. M. „Gehässig“ soll sein, was ich vor vier Wochen über den Vor
=
tragsabend der Dame Durieux geäußert habe? Wenns das schon wäre!
Aber es ist lange nicht so gehässig, wie es sein dürfte. Denken Sie an die
Zeit, wo die Sorma ‚die‘ Schauspielerin Berlins war, wo die Lehmann
für eine Jahresgage von achttausend Mark die Hanne Schäl spielte, und sagen
Sie sich selbst, ob es Einen, dem das berliner Theaterwesen noch immer
bis zu einem gewissen Grade wichtig ist, nicht aufreizen muß, mit wie ge
=
schmacklosen Reklamekünsten heut Frau Durieux ein Startum zu begründen
sucht, für das ihr einfach der Rang fehlt. Sie behaupten in Jhrem Liebes
=
briefchen, ich nähme nicht mit, „um zu heilen und zu helfen, sondern um zu
ruinieren“. Wie es Euch gefällt. Über ein mehr oder minder kurzes werdet
Jhr sehen und vielleicht sogar zugeben, daß es heilsam war, hier ruinieren zu
helfen. Selbst eine deutsche Sarah Bernhardt schiene mir ja vom Übel. Aber
eine, die es höchstens für Breslau sein könnte, ihren Manager aus Prag und
von der Operette weg geholt hat und mein Berlin mit Lärm erfüllt: da ist
Abwehr Pflicht.
G. H. Jch glaube allerdings, daß Sie im Unrecht sind. Mein Artikel
über Rittner hat fünf Wochen vorher in einer berliner Tageszeitung ge
=
standen. Das ganze Deutsche Künstlertheater hat ihn gelesen und diskutiert.
Aber kein Mensch hat eine Silbe zu berichtigen versucht. Wenn das mit
triftigen Gründen geschehen wäre, so können Sie sicher sein, daß ich vor
dem zweiten Abdruck eine Revision vorgenommen hätte. Warum hat mans
nicht versucht? Weil jede Silbe richtig war, ist und bleibt. Weil meine Dar
=
stellung nicht bloß die äußere Wahrheit, sondern mehr: die innere Wahrschein
=
lichkeit für sich hat. Sie bestreiten das jetzt fast mit Leidenschaft. Leider
tun Sie es in einem ungefährlichen Privatbrief. Wiederholen Sie es öffent
=
lich, und Sie werden erfahren, daß ich für alle meine Behauptungen die
bündigsten Beweise habe. Jch wage aber, zu vermuten, daß Sie die Polemik
brieflich weiterführen werden.
J. B. Sie sind entsetzt, daß es über den ‚Zweiuhrschluß‘ überhaupt eine
Diskussion gibt? Vergessen Sie nicht, daß die Tageszeitungen einen Teil
ihrer Jnserenten verlören, wenn sie nicht täten, als „kochte die Volksseele“.
Die Wahrheit über den Plan — den erfreulichsten, der seit Jahren von unsern
lenkenden Mächten ausgeheckt worden ist — habe ich bisher nur bei Richard
Nordhausen gefunden: „Der hart hergenommene Großstädter hat für die
wilde Vergnügungsindustrie, deren Tamtam unaufhörlich durch die Zeitungen
dröhnt, herzlich wenig übrig. Jch will nicht von der Bevölkerung der mäch
=
tigen Arbeitervorstädte sprechen, die für Berlin wichtiger sind als alle Nacht
=
kneipen zwischen der Friedrichstraße und dem Bayrischen Platz, und auf die
hinzuzeigen uns höhere Ehre bringen würde als das alberne Renommieren
mit der öden Langeweile des Amüsement=Rummels. Auch der berliner Mittel
=
stand schätzt die Nachtstunden gemeinhin viel zu hoch ein, als daß er sie im
lieblosen Stumpfsinn der Liebesbars und Kabarette totschlüge. Wären sie
nicht da, so vermißte er sie keineswegs. Verführerisch wirkt die rohe Mache
nur auf das Jungvolk ein, und im Nachtsumpf erstickt tatsächlich manches un
=
erfahrene Herz. Exzellenz Loebell sollte es deshalb nicht bei dem Zweiuhr
=
schluß bewenden lassen. Gewiß ist es gut, wenn nach dieser Stunde nur die
Bahnhofswirtschaften und einige andre solide Häuser offen halten dürfen,
aber den richtigen Nutzen bringt die Reinigung und Beruhigung der nächt
=
lichen Straße erst, wenn die Minderjährigen nicht mehr auf ihr geduldet
werden. Möge die Regierung dem ersten Schritt bald den zweiten folgen
lassen! Jn andern Weltstädten ist der Hochbetrieb, auf den sich unsre Zuge
=
zogenen so viel einbilden, längst vor zwei Uhr nachts vorbei, und sie haben
den Vorteil davon, daß sie nicht als Dauerjahrmärkte sinnloser Sumpferei
verrufen sind.“ Wenigstens Einer. Es pflegt Juden verdacht zu werden,
wenn sie den Antisemiten Nordhausen zustimmend zitieren. Aber man
muß es manchmal, da dieser Antisemit besser schreibt, mehr Verstand hat
und mutiger ist als die meisten liberalen Journalisten, die seinen Namen
nicht nennen können, ohne in Wutkrämpfe zu fallen. Und schließlich ist die
Wahrheit konfessionslos, daß Nachtleben und Fremdenverkehr keineswegs
identisch sind. Die Zeitungen dürfen, um ihre nachtdunkeln Jnseratengeschäfte
nicht zu schädigen, das um keinen Preis zugeben — oder doch nur um einen,
der erst einmal für die redaktionelle Propagierung des Zweiuhrschlusses fest
=
zusetzen wäre und den Ausfall an Jnseraten deckte. Solange diesen Preis
weder der Staat noch sonst jemand zahlt, muß die große Presse mit unge
=
heuerm Pathos verkünden, daß (nicht allein für sie) Werte von Millionen
Mark auf dem Spiele stehen, wenn den Provinzlern unmöglich gemacht wird,
sich in Berlin die ganze Nacht auszuleben: sie würden einfach auch ihre Ein
=
käufe nicht mehr in Berlin besorgen. Ein dummer, unverschämter Schwindel,
selbstverständlich. Erstens würden Hunderttausende von anständigen Frauen
der Provinz die berliner Warenhäuser, Spezialgeschäfte, Hotels und Restau
=
rants weiter frequentieren. Zweitens würden sie ihre Männer lieber nach
Berlin schicken als jetzt. Drittens ist bis Zwei bei einigem guten Willen eine
Menge anzufangen. Viertens würde ein bestimmter Prozentsatz der Fremden
das Geld, das in der Nacht nicht los zu werden ist, an Theater, Konzerte
und Bücher wenden. Aber mögen selbst die Künste nichts profitieren: was
leidet, können höchstens Kontingente sein, die keinen Schutz, sondern unbe
=
denkliche Bekämpfung verdienen. Es ist von den Ruchlosigkeiten, die unsre
Zeitungen täglich begehen, eine der widerwärtigsten, daß sie aus Geldgier
die Regierung hindern wollen, Berlin bei Nacht zu säubern, einer schlaflos
gewordenen Stadt zu ihrer Gesundung den Schlaf zurückzugeben.
Den Lesern. Es wird Euch nicht grämen, daß diese Nummer unpünktlich
erscheint. Zusammengestellt war sie, als das Unheil in Zug geriet. Sie aber
(bevor es an Druck und Expedition ging) erst einmal zu korrigieren und zu
revidieren, war unter den veränderten Bedingungen der Kriegsläufte umso
schwerer, als der Verkehr zwischen den Festland und meiner Nordsee=Jnsel er
=
heblich gestört ist. Wie sich auf dieser Jnsel zur Zeit die Welt ansieht, will ich
das nächste Mal mit unbestimmtem Termin beschreiben. Was wird, weiß hier,
und sicherlich auch anderswo kein Mensch. Wir würfeln wieder einmal um die
größten Einsätze. Noch vor vier Wochen ahnte niemand, daß Rußland ein
„Todfeind“ sei. Jetzt ... Vor Jahren wars England, vorher und zwischen
=
durch Frankreich. Wie’s trifft. Aber wie’s trifft: unsre Bücher und Theater
und Philosophen und all das — können wir, glaub’ ich, bis auf weiteres
einmotten.
Jn dem Essay=Buch von Emil Lud
=
wig, das bei S. Fischer erscheint,
ist der Künstler Subjekt und Objekt.
Objekt ist auch sein Werk und Schaf
=
fen. Also Dasein und Leistung zu
=
gleich. Diese zwanzig Aufsätze er
=
halten Gewicht und Wert durch die
Energie und die ungemein starke Jn
=
tellektualität, womit Ludwig ein
Thema anfaßt und durchdringt, durch
seine Gabe, zu analysieren, ohne den
Stoff zu zerreißen. Jmmer noch
spürt man die letzten zarten Fäden
des innern Zusammenhangs. Lud
=
wig findet Gedanken und Wendun
=
gen, Thesen und Antithesen, die das
Dunkle blitzhell erleuchten. Nie
vergreift er sich im Rhythmus. Er
wird temperamentvoll, wenn er die
Faszinationen der Pawlowa schil
=
dert; er wird klar und kühl, wenn
er Gewesenes gegenwärtig macht
oder als Repräsentant der neuen
positiven Generation Wege zeichnet.
Goethe und Schopenhauer, Mozart
und Dürer, Beethoven und Rem
=
brandt, Dehmel und Hodler, Sokra
=
tes und Grünewald, Lassalle und
Byron: hier sind die weitgesteckten
Grenzen von Ludwigs Erlebnis=,
Erkenntnis= und Bewußtseinskreisen.
Das Buch ist das Werk des formu
=
lierenden Künstlers und des gestal
=
tenden Denkers zugleich. Und trotz
dem verdienstlichen Wagner=Pam
=
phlet und der Bismarck=Analyse,
trotz den groß angelegten ‚Borgia‘
und der sonnenhellen Komödie vom
‚Papst und den Abenteurern‘ das
Beste, was Ludwig bis heute ver
=
öffentlicht hat.
Die zweite Reihe der dramaturgi
=
schen Schriften von Eugen Kilian
(die bei Georg Müller erschienen ist)
hieße vielleicht besser: Aus der Praxis
eines modernen Dramaturgen. Aus
allen Aufsätzen, kritischen Auseinander
=
setzungen und theatralischen Abhand
=
lungen guckt immer nur Eugen Kilian
hervor: Kilian, der nie allein Regisseur
und Dramaturg ist, sondern immer
zugleich auch Philologe und Literar
=
historiker. Die literarische Schulung
gibt seinen Arbeiten eine feste Basis;
seine Leidenschaft für alle Dinge,
die mit der Schaubühne zusammen
=
hängen, gibt ihnen Wärme und wer
=
bende Kraft. Die Philologie hat ihn
doch nicht zu pedantischer Schul
=
meisterei verführt, vielmehr seine
Hitze gemindert. Kilian kennt die
Schaubühne durch und durch und
weiß aus seiner viertelhundertjähri
=
gen Praxis über Regie und Drama
=
turgie vieles zu sagen, das frei ist von
der Phrasendrescherei und der thea
=
tralischen Trockenheit unsrer durch
=
schnittlichen dramaturgischen Lite
=
ratur. Shakespeare, Schiller, Goethe,
Kleist stehen Kilian dem Literar
=
historiker näher als Jbsen, Strind
=
berg und Hauptmann. Mit Ver
=
gnügen werden wir die Ehrenrettung
und Ausgrabung Otto Devrients
lesen, ebenso die Erinnerungen aus
Kilians karlsruher Zeit, jener Periode,
da der Karlsruher sich noch nicht zu
schämen brauchte, vielmehr freudig
und stolz sein konnte, wenn man von
seinem Hoftheater sprach.
Maxim Schmied
Ernst W. Freißler: Das Testament,
Dreiaktige Komödie. Albert Langen.
Arthur Sakheim: Pilger und
Spieler, Vieraktiges Drama. Erich
Reiss.
Alfred Schattmann: Die Geister
von Kranichenstein, Komische Oper.
J. Brandon und F. Arthur: Die
spanische Wand, Dreiaktiges Schspl.
Salzungen, Kurth.
Carl Mathern: Halt! Wer da?,
Ein Küchen= und Kasernenschwank.
Frankfurt a. M., Neues Th.
Richard Skowronnek: Die gute
Auskunft, Dreiaktiges Lstspl. Berlin,
Komödienhs.
Ethel Smith: Stranddreß, Oper.
München, Hofth.
Wilhelm Stekel: Die Menschen,
die nennen es Liebe ..., Vier Szenen
vom Krankenlager der Liebe. Wien,
Deutsches Volksth. Comoedia.
Erich Urban: Das Picadilly
=
mädel, Dreiaktige Lustspieloperette,
Gesangstexte von Jacques Burg,
Musik von Teddy Grünberg. Berlin,
Residenzth.
2. 7. Hermann Stein und Adolf
Steinmann: Es zogen drei Bur
=
schen ...., Ein fröhliches Spiel am
Rhein mit Gesang und Tanz in vier
Akten nach einer Jdee von Karl Bött
=
cher. Cöln, Colosseumth.
8. 7. Jngo Krauß: Der Stadt
=
schultheiß von Frankfurt, Schspl.
Zürich, Stadtth.
13. 7. Max J. Milian: Die goldene
Tochter, Dreiaktige Operette, Text
von Oscar Friedmann und Ludwig
Hertzer. Stuttgart, Wilhelmath.
Paul Barchan: Artem. B. T. 349.
Clara Blüthgen: Darf die Frau
dramatisch arbeiten? Voss. Ztg. 337.
Paul Ernst: Dramatischer und lyri
=
scher Vers. Tag 158.
Felix Günther: ‚Nebenfiguren‘ bei
Wagner. Neuer Weg XLIII 29.
Eugen Kilian: Einheitliche Büh
=
nentexte? B. T. 341.
R. M. Meyer: Franz Dingelstedt.
B. T. 322.
Raymond Poincaré: Betrachtun
=
gen über Alexandre Dumas. Zeit
=
geist 29.
Ernst Possart: Provinzbühnen.
B. T. 350.
F. Reck=Malleczewen: Mozart,
Oesterreich und wir. Grenzboten
LXXII 24.
E. E. Reimérdes: Franz Dingel
=
stedt. Der neue Weg XLIII 24.
Paul Schlenther: Karl Frenzel.
B. T. 296.
Georg von Meiningen. B. T. 317.
Fritz Schotthoefer: Der Rücken
Antoines. Neue Rundschau XXV 6.
Adele Schreiber: Neues von der
Duse. B. T. 296.
Richard Specht: Strauß. Mer
=
ker 112.
H. Stümcke: Dingelstedt als Büh
=
nenleiter. Deutsche Bühne VI 25.
Die Hochschule für Bühnenkunst in
Düsseldorf, die in engster Verbindung
mit dem düsseldorfer Schauspielhaus
steht, hat ihre Tätigkeit begonnen.
Jm ordentlichen Lehrkörper, der aus
siebzehn Mitgliedern besteht, befin
=
den sich neben Frau Luise Dumont,
Herren Direktor Gustav Lindemann,
Hans Franck, Julius Bab die Herren
Dr. Fr. Ohmann (Philosophie), Pro
=
fessor Dr. von Wiese (Soziologie und
Sozialpolitik des Theaters), Dr. Paul
Mahlberg (Kunstgeschichte und Ko
=
stümkunde), Emil Lind (Künstlerischer
Vortrag und Mimik), Fräulein Hed
=
wig Peuchen (Phonetik und Sprech
=
technik). Aus zweiundachtzig Mit
=
gliedern besteht der außerordentliche
Lehrkörper, dessen Mitglieder sich für
Einzelvorträge verpflichtet haben.
Die Stadt Düsseldorf hat der Hoch
=
schule ihre Unterstützung zuteil wer
=
den lassen und übt damit ein ge
=
wisses Patronats= und Hoheitsrecht
aus.
Berlin (Deutsches Künstlerth.):
Margarete Wellhoener.
— (Schillerth.): Richard Weichert
(Regisseur) vom düsseldorfer Schsplhs.
Mainz (Stadtth.): Erna Monti
von Wismar.
Metz (Stadtth.): Eugen Baechler.
München (Künstlerth.): Emil Lind,
Sommer 1914.
Neiße (Stadtth.): Charlotte Meck
=
lenburg und Adalbert Eppstein.
New York (Jrving Place Th.),
Asta Lange, Gustav Adolf von Win
=
terstein.
Potsdam (Schsplhs.): Heinz
Schwamborn (Dramaturg, Regisseur
und Darsteller) vom eisenacher
Stadtth.
Rostock (Stadtth.): Hanns=Her
=
mann Cramer (Dramaturg und Regie
=
Assistent).
Weimar (Hofth.): Hans Fritz Ger
=
hard (Schauspieler und Regisseur)
vom berliner Schillerth., Jlse Ghi
=
berti.
Wien (Opernth.): Otto Fanger
(Tenor) vom königsberger Stadtth.
Wiesbaden (Residenzth.): Ernst
=
arnold Bönig (Regisseur und Schau
=
spieler) vom mainzer Stadtth.
| 16. | S. J.: Die Braut von Messina. Altenberg: Die Lüge. Sinsheimer:
Vom Naturtheater. Polgar: Chantecler in Wien. |
| 17. | S. J.: Sobeïde, Sorma und Shaw. Altenberg: Vöslau. Polgar: Heinrich
Mann. |
| 18. | S. J.: Sumurûn. Herman Bang: Björnson. Altenberg: Letztes Be
= kenntnis. Friedell: Über Genialität. Polgar: Historie einer Dichtung. |
| 19. | S. J.: Maifestspiele. Altenberg: Über Lebensenergien. (19—21) Friedell:
Der Dichter. Brod: Meyerbeer. Polgar: Wiener Theater. Sakheim: Robert Nhil. |
| 20. | S. J.: Der neue Paris. Altenberg: Der Besuch. Polgar: Vom Burg
= theater. |
| 21. | Bahr: Gruß an Berger. Altenberg: Memoiren. Jhering: Maria Mayer
Preis jeder Nummer: Vierzig Pfennige. |
|
DRAMEN,
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Beziehen Sie sich bei Ihren
|
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