Die
Schaubühne
15. August 1907
III. Jahrgang Nummer 33
‚Tersites‘ heißt eine Tragödie von Stefan Zweig, die nächstens im Jnsel
=
verlag und später auf der Bühne des berliner Hoftheaters erscheint. Die
folgende Szene gibt einen Abriß für sich, der nicht mittelbar in die Geschehnisse
der Tragödie eingreift. Deshalb ist es einmal nicht nötig, den ganzen Zu
=
sammenhang aufzubauen.
Breiter Platz im Lager der Griechen vor Troja. Links das hohe Zelt
des Achilles mit verhangenem Zugang, rechts und gegen den Hintergrund
zu sich wendend der hohe Lagerwall, von dessen Höhe man über das ganze
Feld bis nach Troja sehen kann.
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Achilles, der in steigender Erregung Menelaos zugehört hat und mit
geballten Fäusten zitternd sich gegen den Pfosten lehnt, macht einige heftige
Schritte, als wollte er die Wegeilenden noch einholen oder ihnen nachrufen.
Sein Gesicht ist von leidenschaftlicher Bewegung verzerrt. Plötzlich bleibt
er stehen, stampft mit dem Fuße auf und sagt hart: Nein!
Tersites ist vorsichtig emporgehinkt und kommt von rückwärts schleifend
an den Sinnenden heran. Sein Atem wellt unruhig.
(ängstlich, aber in Leidenschaft): Nicht Freund so sehr
Als Diener, deines Willens blinder Speer,
Ein Mensch, der ganz dein eigen ist und der
Jn Wollust fiebert, wenn sein Leben sich
Jn deinen Händen formt ....
Dank bietest Du? Und Liebe! Du, Tersites!
Glaubst du, ich kenn dich nicht! Glaubst du, ich weiß
Nicht, wie dein Maulwurfswühlen meinen Fuß
Hintaumeln lassen will, wie deine Art
Sich aufbäumt gegen meine, wie der Neid
Dein Leben würgt? Wenn Große Kleines tun,
So ists dein Werk. Du saugst dich in sie ein,
Träufelst in ihre klaren Herzen Gift
Mit deinem Wort und läßt sie sinnlos werden,
Wie edle Rosse, von der Fliegen Stich
Verrückt gemacht, ins Dunkel pfadlos stürmen,
Und blutend schleift ihr starker Lenker nach.
Glaubst du, ich sah dein böses Lachen nicht,
Als jene Fürstin mir entlief, und weiß
Nicht wohl, wer jene Helden sinnlos machte,
Daß sie der alten Brüderschaft vergaßen
Und Briseis für den König fordern kamen.
Wars nicht dein Rat? (Er fährt auf Tersites los, der ohne Worte
taumelnd und bleich zurückfährt) Dir bleibt das Wort im Hals.
Jch dachte es! Zur feigsten Lüge selbst
Jst noch dein Mut zu klein. Und alles das,
Was uns im Zorne auseinander trieb,
Was Schmach und Wut hoch auf mein Leben türmte,
War nicht des Schicksals Keil, war nur allein
Dein schleichend Gift, die neidisch böse Lust,
Ein Weib geraubt zu sehn aus meinen Armen,
Dem Kampf der Großen grinsend zuzusehn. —
Und wäre nicht der ganze Krieg zu groß,
Als daß ihn Menschen je ersinnen konnten,
Wär nicht dein Tun ins kleinste stets beschränkt,
Unfähig, aus der Niedrung enger Kreise
Jns große Leben schaffend einzuwirken,
Die Lust an fremder Not hätt ihn erdacht.
Du wolltest Freund sein? Deine ekle Fratze
Fraß sich nach innen längst in deine Seele.
Und rettete ich zehnmal dir das Leben,
Ließe dich tafeln an der Freunde Tisch,
Du könntest mich nicht lieben, deine Art
Muß meine ewig hassen, wie mir deine
Verächtlich bleibt.
So haßt du mich, Tersites? Sieh, und ich
Bin dessen froh: Jch will, daß du mich haßt,
Jch will es fühlen, du und deinesgleichen
Sind fern von mir, sind fern wie Tag und Nacht,
Wie Tod und Leben. Bläh den Zorn nur auf,
Er füllt die Segel meiner Fahrten, weht
Mich hoch zu Einsamkeiten. Ja, ihr sollt
Mich hassen, jede Stunde, denn ich will
Nicht Liebe fühlen, die mich niederzerrt.
Jhr sollt mich hassen, einen tiefen Schlund
Aufreißen zwischen mir und euch, daß ich
Jn frohem Tänzerschritt ihn überschwebe.
Jhr sollt mich hassen. Dazu lebt ihr ja,
Habt krumme Hälse und verzerrte Züge,
Jch brauche Neid und Groll, um hochzuschweben
Und meiner Höhen reine Luft zu trinken.
Dort will ich einsam sein, hart an den Sternen,
Wo Götter wohnen, die mir Ahnen sind,
Und wo der Wolken goldne Abendkränze
Die Stirne mir mit reinen Gluten ketten. (Auf Tersites zu)
Was starrst du so? Das faßt du freilich nicht!
Von solchen Dingen ist noch nie ein Strahl
Gesplittert in die Dumpfheit deines Lebens.
Doch weg jetzt! Weg! Jch will nicht mehr die gelben
Verruchten Lichter deiner Augen sehn.
Dein kleiner Haß macht meinen Ekel klein.
Weg, sag ich! (Tersites will sich ihm entgegenstellen, Achilles hebt
die Faust) Wie? Du willst nicht? Denkst
Mit faulen Reden dich an mich zu kleben?
Sieh diese Faust! Jch will dich laufen lehren,
Du krummer Schuft! (Tersites ist entflohen. Achilles läßt die er
=
hobene Faust matt sinken. Mit melancholischem Spott)
Das sind nun meine Feinde!
Aus grauen Grotten traten Mann und Weib.
Das Licht umfloß die markigen Gebeine.
An seinem Lächeln und an ihrem Leib
erkannten sie sich in dem Sonnenscheine.
Zum ersten Mal und ahnungslos ergriff
den frühen Bund ein sinnliches Getriebe,
und beide schaukelten, gleich schwankem Schiff,
mit vollen Segeln auf dem Strom der Liebe.
Doch als das Leben einen harten Pflug
dem Urbewohner in die Hand gezwungen,
und er die Wurzeln aus dem Acker schlug,
worauf die Schar mit scharfer Macht gedrungen:
Da kam das Weib, zumal die Saat gedieh,
mit ihrem ersten Erdensohne nieder,
dem sie die Lippen und die Brüste lieh
beim Singsang vorzeitlicher Wiegenlieder.
Nun kommt der ‚lokale Teil‘ an die Reihe. Leitartikel und Feuilleton
wandten sich noch scheinbar an das ‚gebildete, urteilsfähige‘ Publikum.
Der lokale Teil ist aufrichtiger: er gibt sich nicht als geschminkte
Puppe, die mit den schönsten Läppchen aufgeputzt und doch nur mit Holz
=
mehl gefüllt ist, nein, er präsentiert sich offen und ehrlich als zerlumpte
Vogelscheuche, und man muß deshalb schon ein rechter Gimpel sein, um vor
ihm Respekt zu empfinden. Alles einigermaßen Jnteressante aus dem Leben
der Stadt schnappt der gierige Feuilletonhecht dem armen Lokalkarpfen weg.
Die fetten Kunst= und Theaterbrocken frißt er ihm vor der Nase fort und
läßt ihm nur die magern Unglückswürmchen und Reklamekrumen übrig.
Der Lokalredakteur ist das Werkzeug in der Hand der Berichterstatter,
Seine Haupttätigkeit besteht im Streichen, denn die Lokalreporter besitzen
ein unheimliches Talent darin, ein Pferd zwanzig Zeilen lang stürzen zu lassen,
einen Radfahrer dreißig Zeilen hindurch ein einziges Kind überfahren zu
lassen, und so weiter. Jch habe schon oft gedacht, daß es vorteilhafter wäre,
unsre Schutzmannschaft statt aus gedienten Unteroffizieren aus gedienten
Lokalreportern zu rekrutieren. Denn ein Schutzmann gleicht bekanntlich einem
Hundertmarkschein nicht nur darin, daß er blau ist, sondern vor allem darin,
daß er nie da ist, wenn man ihn braucht. Der Reporter aber ist immer
da, sogar wenn man ihn nicht braucht, er sieht alles, er weiß alles, er
kennt alles, er hört alles, er begibt sich für das kleinste Zeilenhonorar in
die größte Lebensgefahr, und doch besteht seine Waffe einzig in einem
gespitzten Bleistift, den er obendrein nicht einmal richtig zu handhaben ver
=
steht. Er ist dabei, wenn du verkehrt von der Trambahn springst, wenn
dein Hund in fremde Waden beißt, wenn du Ohrfeigen erhältst oder aus
=
teilst. Er hört alle Feuerwehren durch die Straßen rasseln, er bemerkt alle
eingeworfenen Erkerscheiben, vor seinen Augen explodieren die Automobile,
wie Knallerbsen, er entdeckt jeden Betrunkenen in der Gosse; keine Frau
kann ihr zwölftes Kind in Ruhe kriegen, kein Kommerzienrat in Frieden
geadelt werden, kein verliebter Piccolo kann sich mit Arsenik oder einer
Zigarre ungestört ins Jenseits befördern wollen — Gott und Schmock sind
allgegenwärtig und allwissend.
Tröste dich, o Zeitungsleser, und murre nicht, denn du mußt nur den
zehnten Teil von dem lesen, was der Lokalredakteur über sich ergehen lassen
muß. Schweißtriefend sitzt er auf seinem Sessel und scheidet die Schafe
zur Rechten in die Setzermappe und die Böcke zur Linken in den Papier
=
korb. Und wehe ihm, wenn nicht genug Unglücksfälle und Diebstähle passiert
sind, wenn die Vereine nicht genug Stiftungsfeste abgehalten und die Hand
=
werker zu wenig Versammlungen einberufen haben! Dann muß er mit
heroischer Verleugnung aller edlern literarischen Jnstinkte eine Plauderei
schreiben: ‚Das Wetter‘, ‚Jn der Tanzstunde‘, ‚Ein Gang durch die Markt
=
halle‘, ‚Wie Herr Dickbauch das Radeln lernte‘, und was dergleichen gemüt
=
erquickende Themata mehr sind. Er muß Gedichte im Lokaldialekt schreiben
und die Stadt, in die ihn sein Geschick (oder Ungeschick) verbannt hat, über
den Pfannenstiel loben, ihre ‚Gemütlichkeit‘ (!) besingen. Denn ‚gemütlich‘
wollen alle Städter sein, vom groben Münchner bis zum klassen= und
rassenscheidenden Frankfurter, vom klatschsüchtigen Leipziger bis zum wort
=
kargen, geldstolzen Hamburger. Er schreibt den Dialekt zwar gerade so
falsch, wie ihn die Bühnenkünstler sprechen, aber Zeilen werden bekanntlich
nicht gewogen, sondern gezählt.
Und doch gibt es auch in dem Wüstendasein des Lokalredakteurs Oasen,
an denen er seine Kamele tränkt. Jch meine damit seine Leser. Denn wie
es das brave Kamel vierzehn Tage ohne Trank aushalten kann, so kann es
der brave Zeitungsleser wochenlang ohne geistige Nahrung aushalten und
vegetiert doch weiter und tut seine Pflicht, wie das wackre Wüstenschiff.
Diese Oasen sind die Ausstellungen, die großen Brände, die Raubmorde,
die Fürstenbesuche und die Denkmalenthüllungen. Da schwillt dem Redakteur
der Kamm, er kräht sein herrlichstes Kikeriki, seinen bunten Federn entströmt
das bunteste Zeug, und es werden mehr Zeilen geschunden als jemals Raub
=
ritter im grauen Mittelalter. Er hat kaum Platz, die Reden in der Stadt
=
verordnetensitzung mit sämtlichen Zwischenrufen, Heiterkeiten und Beifällen
unterzubringen, es stürzen plötzlich unheimlich wenig Pferde, die Elektrischen
entgleisen nicht mehr, und die Piccolos lieben glücklich ...
Jch habe schon oft in der Fachpresse gelesen, daß ‚junge Lokalredakteure,
die stenographieren und den Telephondienst versehen können‘, gesucht werden,
aber ich erinnere mich nicht, daß jemals akademische Bildung oder gut
=
bürgerliche Jntelligenz verlangt wurde. O du schöner, grüner Lokalteil!
Wir nehmen nun den rohesten Bengel der ganzen Klasse vor, den
‚Gerichtssaal‘. Die Dummheit ist keine Schande, und wenn ich mir die
Beamtenranglisten ansehe, so kommt es mir sogar manchmal vor, als ob
sie ein gewisses Verdienst wäre, und als ob die dicksten Kartoffeln und die
fettesten Stellungen für die mindestintelligenten Stadt= und Landbewohner
wüchsen. Es ist deshalb auch keine Schande, an die Dummheit zu appellieren,
wie es Leitartikel, Feuilleton und Lokales tun. Aber eine Schande ist es,
die Gemütsroheit unsrer Mitmenschen zu fördern, wie es der ‚Gerichtssaal‘
tut. Man komme mir nicht mit dem Einwand, daß ja auch die Gerichts
=
sitzungen öffentlich seien und also auch die Berichterstattung moralisch gestattet
sein müsse.
Geht doch einmal in den Gerichtssaal und seht euch eine Sitzung an!
Da steht ein Mann, auf dessen Stirn die Not, die Seelenqual, die Angst
ihr Kainszeichen gedrückt haben. Er hat gestohlen und wird verurteilt.
Mit Recht. Aber unser Herz zittert, wenn wir seine gequälte Stimme hören,
wir erbeben, wenn uns ein Blick seiner müden Augen streift, wir ahnen
die seelischen und sozialen Umstände, die den Mann zum Verbrechen trieben,
und ein heiliges Mitleid ergreift uns. Wir empfinden die furchtbare Wahr
=
heit, die uns Christus gepredigt hat, und die neunzehnhundert Jahre später
ein armer, schwindsüchtiger russischer Schriftsteller, der sich Gorki, ‚Der Bittre‘,
nennt, in den Verzweiflungsschrei zusammenfaßte: Der Satte wird den
Hungrigen nie verstehen!
Alles das kann und darf der Gerichtssaalsreporter nicht sehen. Die
Zeitung bringt einfach die Notiz: Vor dem Schöffengericht wurde der
Schreinergeselle Karl Soundso wegen Diebstahls im Rückfall zu sechs
Monaten Gefängnis verurteilt. Der Spießer liests, freut sich, weidet sich
an dem Unglück und kommt sich selbst fürchterlich brav vor: — der Satte!
Und ein armer Paria ist an den Pranger gestellt, ein Menschenleben ver
=
nichtet, eine Seele tiefer in den Schmutz gestoßen. Und sie wird jedesmal,
wenn sie ihr totenblasses Haupt aus dem eklen Sumpfe zu erheben ver
=
sucht, tiefer und tiefer hineingestoßen werden, bis die Gefühllosigkeit der
Verzweiflung ihr Herz ausgebrannt hat: — der Hungrige!
Schmock, der satte, schmierige Schmock hat weder Zeit noch Verständnis
für solche Betrachtungen. Er geht mit der Sense umher und mäht. Aber nicht
geschnittene Ähren, sondern die abgeschnittenen Ehren liefern ihm sein Brot.
Willst du jedoch den Leichenmarder der Gerichtssäle in vollster, gierigster
Tätigkeit sehen, so lies die Berichte über die großen Raubmorde. Da taucht
Schmock seine Feder in geronnenes Blut, seine Kolportageroman=Phantasie
entlockt ihm die tragikomischsten Schilderungen, das Messer wird beschrieben,
die zerfetzte Leiche wird seziert, jeder Todesschrei phonographisch aufgenommen,
und hat der Mörder gar sein Opfer vergewaltigt, so malt er dir die wider
=
liche Szene in Überlebensgröße vors Auge; jedes geschundene Glied bedeutet
zwanzig geschundene Zeilen. Nicht vor dem Mörder ergreift mich der Ekel,
wenn ich solche Berichte lese, sondern vor dem Schmock, der sich mit so
viel Behagen im Kot wälzt, im Kot des guten Gewissens. Wie es jeden
wahrhaft religiös Empfindenden abstößt, wenn er aus Pfaffenmund eine
bluttriefende, sadistische Höllenschilderung anhören muß, so muß jeden wahr
=
haft rechtlich denkenden Menschen die geistlose, verlogene Verbrecherromantik
Schmocks empören.
Einige Zeitungen haben kürzlich beschlossen, diesen Unfug nicht mehr
mitzumachen. Es geht also! Der Vorschlag, den ich in Kapitel IV machte,
ist durchführbar: die sauren Gurken können von der Speisekarte gestrichen
werden, und die Gäste werden zufrieden sein und keine sauren Gurken mehr
verlangen. So streicht denn nicht nur die sauren Gurken der Leitartikel,
nicht nur die rohen Beefsteaks des Gerichtssaals, streicht auch die faden
lokalen Mehlspeisen, die magenverderbenden feuilletonistischen Entenstietze!
Dixi et salvavi animam meam.
Jch sehe noch ein paar halbwüchsige Bengels, denen ich in Anbetracht
ihres jämmerlichen Aussehens nur ganz lind die Hosen klopfen will. Da
stehen, zum Beispiel, die Sportnachrichten, die sich vergeblich bemühen, der
Fachpresse Konkurrenz zu machen. Jch muß immer lachen, wenn mein Auge
beim Umblättern zufällig auf den Sportteil fällt, aus dem die vergnüglichen
Fachausdrücke ‚meeting‘, ‚Start‘, ‚Training‘, ‚Handicap‘ mir entgegenleuchten,
wie weggeworfene Konservenbüchsen aus einer Dunggrube. Ein lieblicher
Knabe ist auch der Witterungsbericht, dem man stets unbedingten Glauben
schenken muß, weil man ihn nicht kontrollieren kann. Um der Gefahr des
Betrogenwerdens zu entgehen, pflege ich ihn daher prinzipiell nicht zu
befragen, und eine dunkle Ahnung sagt mir, daß ich mit diesem Prinzip nicht
vereinzelt dastehe. Die ‚Wettervorhersage‘ gehört zu den Damen, die ich
wegen ihrer Unzuverlässigkeit gewohnheitsmäßig schneide. Dasselbe Schicksal
erleiden Handelsteil und Kursbericht, über deren Qualität ich keine Aus
=
kunft geben kann. Jch war zwar mehrere Jahre im Bankgeschäft tätig,
aber trotz den guten Zeugnissen, die mir meine ††† Chefs ausstellten, ver
=
pflichte ich mich, unter zehn Diskontrechnungen einen Rekord von fünf
Rechenfehlern zu schlagen, und warne hierdurch öffentlich jedermann, meine
Spekulationsvorschläge zu befolgen oder mir etwas darauf zu pumpen.
Halt, beinahe hätte ich zwei Knäblein vergessen: den Briefkasten und
den Einsenderich. Die zwei werden von ihrem Vater schmählich verleugnet;
er übernimmt keine Verantwortung für sie. Schämt er sich der häßlichen,
dummen Kinder? Oder drückt ihn das Schuldbewußtsein, daß er die zwei
nur gezeugt hat, um den überflüssigen Platz in der großen Kinderstube aus
=
zufüllen?
Briefkasten! Du Qual der Setzer, du Ergötzen meiner Bosheit! Denn
— daß ich offen bin — ich lese den Briefkasten mit Vorliebe. Habe ich
mich drei Hemdformatseiten hindurch an der Beschränktheit der Berichtkulis
gefreut und geärgert, weshalb soll ich mich nicht eine Windel lang an der
Beschränktheit der Leser laben? Welcher Bildungsdurst! Da will eine Leserin
‚ergebenst‘ wissen, wie man angebrannte Leberknödel wieder genießbar macht,
da hat ein junger Mann gewettet, daß die alten Griechen die Hosen mit
der linken Hand zuknöpften, da fragt ein Mädchen an, in welchem Goetheschen
Gedicht die Worte: „Jch weiß ein Herz, für das ich bete“ vorkommen!
Und all diesen Riesenbildungsdurst löscht die Redaktion, mit dem abgestan
=
denen Stoff, den sie aus Büchmann, Brockhaus und B. G. B. zusammen
=
braut. Wohl bekomms! Der liebe Briefkastenonkel, die süßen Nichten und
männiglichen Neffen! O Gott, wie zahlreich ist doch diese Familie Buchholz!
Jst es dem Leser eine Genugtuung, den Redakteur mit den albernsten
Fragen in den Zustand superlativster Verzweiflung zu versetzen, so bereitet
es ihm die Wonne der Wonnen, sich selbst einmal in der Zeitung von
Herzen ausquatschen zu dürfen. Diesem dringenden Bedürfnis hilft die
Rubrik ‚Eingesandt‘ ab, die ich den ‚geistigen Abort für Abonnenten‘ nennen
möchte. Der deutsche Spießer ist ein eigener Kerl: er läßt sich von Polizei
und Behörden die unwürdigste Bevormundung gefallen, er scheut die Öffent
=
lichkeit, wie der Raubmörder den Staatsanwalt, er leidet ohne zu klagen,
denn er wagt nicht, gegen das oberste Kommando im deutschen Reich „Ganze
Kompagnie — Maul halten!“ zu mucksen. Aber derselbe Spießer wird auf
einmal ein wahrer Anarchist, dem nichts, rein gar nichts heilig ist, wenn er
sich hinter ein Pseudonym verstecken kann, und er protestiert alsdann gegen
Gott und die Welt und kommt mir vor wie jenes Schaf, das vom Dache
des Stalls herab den untenstehenden Wolf höhnt. Hoiho, wie kampflustig
und entrüstungsfreudig sind sie doch, ‚ein hiesiger Bürger‘, ‚ein besorgter
Familienvater‘, ‚ein Tierfreund‘, ‚ein Theaterabonnent‘, ‚ein Bewohner der
X. Y. Z.=Straße‘! Was sie zu wenig im Kopf haben, haben sie zu viel
auf dem Herzen! Die Rubrik ‚Eingesandt‘ ist der große Beichtvater,
dem sie alle ihre Sorgen anvertrauen dürfen — er muß ja das ‚Beicht
=
geheimnis‘ wahren. Daß das deutsche Volk das Volk der Dichter und
Denker sei, wollte mir nie recht einleuchten — die beiden Worte ‚Dichten‘
und ‚Denken‘ sind mir vielleicht zu heilig — aber daß es das Volk der
Schreibgierigsten ist, das erkannte ich, ach, gar bald. Das Theater war
gestern um zehn Minuten nach neun aus, und auf dem Zettel stand: ‚Ende
gegen neun Uhr‘ — das schreit nach Rache, das muß in die Zeitung! Und
der Spießer, der, wenn es sein muß, einen halben Tag im Wartezimmer
eines gerade übel gelaunten Subalternbeamten wartet, er setzt sich hin, und
ein edles Feuer glüht ihm im Busen und in der Nase, und er nimmt seinen
ganzen Überfluß an Geistesarmut zusammen und schreibt ein ‚Eingesandt‘.
Wir haben im Preßgesetz den schönen Paragraphen Elf, der genau regelt,
wie eine Berichtigung beschaffen sein muß. Schreibe als Laie eine Berichtigung,
die dem Sinn nach noch so wahr und objektiv ist — sobald du dich etwas
breiter ausläßt, als unbedingt erforderlich, kann die Redaktion die Aufnahme
verweigern. Beim ‚Eingesandt‘ hingegen darfst du deinen Gefühlen völlig
freien Lauf lassen: der Redakteur ist der gute Mann, in dessen Augen alles
ein öffentliches Jnteresse besitzt, was du ihm schreibst. Der Redakteur ist
schlau, er hält seine Abonnenten warm und — — es kostet ihm nichts.
Mit einer Rubrik, die die Abonnenten selbst schreiben, müssen sie natur
=
gemäß hochzufrieden sein... „Aber es kommen doch dadurch so viele Miß
=
stände ans Tageslicht?“ Wenn der Redakteur von einem Mißstand erfährt,
so hat er die Pflicht, die Angelegenheit zu prüfen und dann selbst unter
eigener Verantwortung Abhülfe zu verlangen ... „Zu der Prüfung hat
er aber keine Zeit?“ Dann soll er sich um die ganze Angelegenheit nicht
kümmern! Der Redakteur hat die Zeitung zu redigieren, nicht die Abonnenten.
Daher kommt ja der erbärmliche Tiefstand unsrer meisten Tageszeitungen,
daß sie von den Abonnenten redigiert werden. Die Abonnenten redigieren
den Leitartikel, das Feuilleton, den politischen Teil, das Lokale; ihr Geschmack
entscheidet, sie diktieren dem Redakteur, was und wie er zu schreiben hat!
Mutter Sorge, dich klage ich an, nicht nur den armen Redakteur.
Körperlich verhungern oder geistig verhungern, das ist, leider Gottes, die
Kardinalfrage, vor der beinahe jeder Zeitungsredakteur steht. Vater Apollo,
deine eigenen Kinder jagen dich zum Hause hinaus — vergib ihnen!
Jch wollte spotten und bin wieder in einen Empörungsschrei aus
=
gebrochen. Trotzdem lasse ich das Niedergeschriebene stehen, denn mir scheint,
den besten Prüfstein berechtigter Satire bilden jene schwachen Augenblicke,
in denen das übervolle Herz die Überlegenheit des Spötters verliert und
im gellenden Schrei Erleichterung sucht. Wird der Schrei ein Echo finden?
Jch wage es kaum zu hoffen.
Es stehen noch zwei böse Buben an der Wand, die ich als gerechter
Richter vornehmen muß: der Jnseratenteil und der politische Teil. Dem
Jnseratenteil könnte ich mit Leichtigkeit und ohne sonderliche Erprobung
meines Staatsanwaltinstinkts ein verdammendes Urteil ausstellen. Aber da
er gegen die Anklage des Vandalismus in Avalun sein Alibi nachweisen
kann — er ist nämlich aus dieser schönen Gegend ausgewiesen — und ich
lediglich die Jnteressen Avaluns als juristischer Beirat meines Vaters Apollo
vertrete, nehme ich den Strafantrag zurück. Mich kümmerts nicht, wenn
der Jnseratenteil die kurpfuscherischsten Allheilmittel gegen ‚frühzeitiges Nach
=
lassen der besten Kraft‘ anpreist — preist doch der Textteil die miserabelsten
Bücher als Seelen=Medizin an! Und die Dummen fallen hier wie dort ’rein,
und die Suggestion übt hier wie dort ihre Wirkung aus. Denn wie der
Patient durch simplen Kamillentee von den qualvollsten Nervenleiden genest,
eben weil er abergläubisch an die Heilkraft glaubt, so hat auch der aber
=
gläubische Leser von der Lektüre des schlechtesten Buchs einen Genuß, eben
weil er der Kritik vertraut und von vornherein von dessen Wert und Schön
=
heit überzeugt ist. Suggestion! Über die Rendezvous= und Heiratsinserate
will ich schweigen. Wer Pech angreift, besudelt sich ...
Und nun tritt als Ultimus du vor, Freund Politikus. Auch du bist
aus Avalun ausgewiesen, und ich hätte es daher eigentlich nicht nötig, mich
mit dir zu befassen. Aber ach, du schmuggelst dich immer wieder in dieses
Land ein, und du hetzest seine Bewohner insgeheim gegeneinander auf, du
bist schuld daran, daß einer dem andern mißtraut und sein köstliches Dasein
mit gehässigem Kampf ausfüllt, statt es dem Dienste Apollos zu widmen.
Du bist der gemeine Handlanger des Großinquisitors Zensor, und wer sich
nicht mit dir, Politikus, gut stellt, dem droht alltäglich die Folter.
— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —
Uff! Das war ein Erleichterungsseufzer. Meine Anklageschrift ist zu
Ende. Jch könnte zwar noch einige Dutzend Seiten mit der Aufzählung
weiterer Verbrechen des Angeklagten ‚Zeitung‘ füllen, aber ich lasse genug
sein des grausamen Spiels. Es genügt ja, im Grunde genommen, dem
Angeklagten wie dem Staatsanwalt, wenn das auf Urteil ‚Todesstrafe‘ lautet:
ob noch wegen einiger andrer Verbrechen auf etliche Jahre Zuchthaus und
Ehrverlust erkannt werden kann, halte ich für gleichgültig.
Wie stelle ich mir nun eigentlich das Jdeal einer Zeitung vor? — Ganz
einfach!
Die Zeitung, die ich dem deutschen Volk wünsche, besteht nur aus zwei
Teilen: aus einer einfachen, knappen Berichterstattung über die wichtigsten
Ereignisse und aus Jnseraten. Sonst nichts, gar nichts. Keine Kommentare,
keine Belehrung, kein Klatsch! Der Textteil soll nur Tatsachen mitteilen.
Alles andre gehört in die Fachzeitschriften!
Denn ich bin ein ebenso großer Freund von Fachzeitschriften, wie ich
ein gehässiger Gegner der Tageszeitungen bin, und ich stehe nicht an zu
behaupten: daß sich bei uns so wenig gediegene Fachzeitschriften entwickeln
können, daran tragen die Tageszeitungen die Hauptschuld. Für das mir
nächstliegende Gebiet, die Literatur, trifft diese Behauptung sicher zu. Die
alleswissenden, allesverstehenden Tageszeitungen verbreiten die Seuche der
Halbbildung über die Welt, diese furchtbare, ansteckende Krankheit, von der
man nur am Quell der reinen Wissenschaft genesen kann.
O, käme doch bald die ersehnte, köstliche Zeit, da die Tageszeitung ihr
Talmigewand ablegte, da die Menschheit gezwungen wäre, den reinen Wein
des Lebens und der Kunst ungewässert zu schlürfen, die Zeit, da sie gezwungen
wäre, an den Quellen zu trinken, anstatt ihren Durst aus den von den
Zeitungen gelieferten Flaschen zu löschen.
Jch stehe vom Schreibtisch auf und öffne das Fenster. Die kühle, reine
Nachtluft dringt zu mir herein, ich sehe empor zu den Sternen, und gar
unmoderne Gefühle überkommen mich. Meine Frau hat im Nebenzimmer
mein Aufstehen gehört. Sie legt das Buch aus den Händen, tritt zu mir,
küßt mir die Wangen und flüstert leise: „Wieviele Zeilen?“ — — —
Jn einem alten Kinderweihnachts
=
liede heißt es so rührend: „Wo
sind sie hin die Raritäten — täten
— täten, die der Weihnachtsmann
uns bot? — —“ So fragt man
sich wohl auch, was von all den
Gaben des Theaterjahrs geblieben
ist. Laßt die Toten ruhen! Sie haben
ja manches erreicht. Die einen haben
ein liebes Publikum nach des Tages
Last und Hitze freundlich ergötzt; ihnen
gebührt gleich freundliches Gedenken
wie etwa einer braven Tante, die das
Zeitliche gesegnet hat. Andre haben
viel Geld verschlungen und ihren Vätern
— ‚geistigen‘ kann man nicht gut
sagen — nur Sorgen und schlaflose
Nächte gebracht, wie alle verlorenen
Söhne. Aber genug, genug! Etwas
Positives möchte man wissen. Hat
das verlaufene Theaterjahr eine be
=
sondere Bedeutung für die Ent
=
wicklung des englischen Bühnenlebens
gehabt? Hat es ein neues Talent
geboren, uns wertvolle Gaben ge
=
bracht? Nichts Außergewöhnliches, muß
man sagen, und doch manches, an
das man gern zurückdenkt, und das
Hoffnungen erweckt hat. Und An
=
zeichen sind am Horizont erschienen,
als ob es langsam, langsam vorwärts
gehe.
Da ist es recht und billig, gleich
Shaws zu gedenken. Was von seiner
eigenen Produktion zu halten ist,
ist öfters schon gesagt worden; ein
Ruhm aber bleibt ihm sicher: die
Erweckung des englischen Publikums.
Wie er es selbst einmal ausgedrückt
hat: er hat die Leute endlich wieder
gelehrt, ihren Kopf und was an Ver
=
stand etwa drin ist, mit ins Theater
Jbsen spielte im Repertoire des
Court Theatre eine gewisse, wenn
auch keine sehr große Rolle. Shaw
und Jbsen vertragen sich nicht; das
englische Publikum aber braucht vor
allem Shaw. Von besonderer Be
=
deutung ist noch die Stellung, die in
diesem modernen Theater der alten
klassischen Kunst zuerteilt worden ist.
Die Übersetzungen Professor Murrays
aus dem Griechischen des Euripides
gehören zu den größten Triumpfen
dieser Bühne, schon insofern, als sie
gerade zu neuen Jdeen: stimmungs
=
mächtiger Einfachheit auf dem Gebiete
der Ausstattung führten. Auch hier
wandte man sich an Künstler und
zwar an solche, die Eigenes wollen.
Von Deutschen erhielten nur wenige
das Wort: Hauptmann mit seinem
‚Biberpelz‘ zu Beginn des Barkerschen
Regimes, als solch eine Tat noch ein
arges Wagnis war und wenig An
=
klang fand, so gut verhältnismäßig
diese Aufführung auch war, und
Schnitzler mit einem seiner Einakter
aus den ‚Lebendigen Stunden‘. Man
sagt, das Court Theatre besitze die
Rechte auf den ‚Grünen Kakadu‘ und
sogar eine englische Übersetzung. Daß
es Barker nicht gereizt hat, an diesem
seltsamen Hin= und Herwogen zwischen
Sein und Schein seine Regiekunst zu
erweisen, bleibt ein Rätsel.
Jn den drei Jahren ihres Bestehens
hat diese Bühne zweiunddreißig Stücke,
darunter acht Einakter, aufgeführt.
Von den zweiunddreißig Werken waren
elf von Shaw allein, also etwas mehr
als ein Drittel. Zählte man die Zahl
der Vorstellungen, so würde sich sicher
ergeben, daß mindestens zwei Drittel
auf Shaw fallen. Jm ‚Savoy‘, ihrem
neuen Theater, werden Vedrenne und
Barker ihrer Politik interessanter lite
=
rarisch bedeutsamer Matinees und
eines häufigern Wechsels des Abend
programms treu bleiben, ja vielleicht
allmählich sich sogar dem System
eines eigentlichen Repertoiretheaters
nähern, das jede Woche zwei bis drei
Mal seinen Spielplan ändert.
Und hat man nun vom Court
Theatre gesprochen, was bleibt dann
noch übrig? Über Shakespeare auf
der londoner Bühne habe ich bereits
früher geredet. Sonst wären, ab
=
gesehen von den braven, diesmal
aber nicht aufregenden Versuchen der
Stage Society, nur einige Einzel
=
heiten noch des Erwähnens wert,
denn die ‚kommerzielle‘ Bühne hat
nichts von nur einiger Bedeutung
geschaffen. Die Stage Society nahm
sich der ‚Weber‘ und des ‚Kammer
=
sängers‘ mit gutem Willen, aber ohne
sonderlichen Erfolg an. Mit franzö
=
sischen Sachen gelang es ihr besser.
Sie hat nun tausend Pfund gespart,
um in einiger Zeit eine Art Kammer
=
spieltheater einzurichten, etwa nach
dem Muster des Reinhardtschen, das
es dem zielsichern und bedächtig vor
=
wärtsgehenden Mr. Whelen angetan
hat. Für nächstes Jahr sind auch
andre Versuche dieser Art zu erwarten.
Eine definitive Gestalt hat bereits
die Absicht von Grant Allen und
Miß Kingston angenommen, die im
Herbst mit ihrem ‚Kleinen Theater‘
beginnen werden. Auch einer der
Söhne Jrvings, Laurence Jrving,
neigt zu solchen Taten, und andre
wollen Ähnliches versuchen. Man
sieht: die Stagnation hat aufgehört,
es regt sich Leben. Und daß das ver
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flossene Theaterjahr dazu ermutigt
hat, muß man ihm schon zum Lobe
anrechnen.
Von jenen Einzelheiten seien ein
paar hier erwähnt. Der in der Provinz
wohlbekannte actor-manager Martin
Harvey gab eine Woche lang in London
Roeßlers ‚Reichen Jüngling‘ in einer
recht unvorteilhaften Übersetzung. Das
Stück wurde vom Publikum mit
großer Achtung aufgenommen — auch
das ein Zeichen für zunehmenden
Ernst — von der Kritik aber ver
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worfen als auseinanderfließend und
unklar. Die Sothern=Marlowe=Truppe
aus Amerika gab eine vierwöchige
Season im Waldorf Theatre und
brachte uns neben einigen recht leben
=
digen Shakespearevorstellungen auch
Hauptmanns ‚Versunkene Glocke‘.
Dem sehnsüchtigen Suchen nach Poesie,
dem bald leiser, bald lauter hallenden
Klange der in der Tiefe schlummernden
Glocke hing man fast wehmütig nach,
aber nur wenige fanden im Trubel
der Riesenstadt Zeit und Liebe dafür.
Vom deutschen Theater ist wenig
zu sagen. Herr Andresen hat es
klüger gefunden, sich in Berlin an
=
zusiedeln, und hier nur ein kurzes
dreiwöchiges Gastspiel mit einigen
Hilfstruppen gegeben. Er will nächstes
Jahr im Frühjahr wiederkommen.
Er wird sicherlich willkommen sein.
Herr Gregor von der berliner ‚Komi
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schen Oper‘ versuchte mit ‚Hoffmanns
Erzählungen‘ sein Glück, fand aber
nicht die erhoffte Gegenliebe. Die
deutsche Oper war während der Season
ebenso sehr Mode wie immer. Hans
Richter, dem sie fast alles verdankt,
feierte das dreißigjährige Jubiläum
seiner englischen Tätigkeit und fand
dabei erfreulicherweise schöne Aner
=
kennung. Erwähnt muß werden, daß
heuer die stille, schwere Arbeit des
münchner Hofopernregisseurs Wirk,
den Richter sich vor einigen Jahren
zur Hilfe hierher geholt hat, in vielem
sehr erfreulich zutage trat. Was hat
dieser energische, wohlgeschulte und
feinsichtige Mann nicht mit Trägheit,
Dummheit, Gleichgiltigkeit und Unlust
zu kämpfen gehabt! Aber endlich er
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wähnten englische Blätter doch szenische
Einzelheiten der Opernaufführungen,
weil sie ihnen völlig neue Offen
=
barungen schienen. Mit dem ver
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dunkelten Zuschauerraum mußten sie
sich nolens volens abfinden; Wirk
ist ein eiserner Mann, und alle Schmäh
=
briefe und Bittschriften der Diamanten=
und Perlenträgerinnen, die gesehen
sein wollten, halfen nichts. Etwas
Neues brachte die Oper natürlich
nicht. Wozu auch? Solange das Alte
zieht und Geld bringt, wären unsichre
Versuche Torheit.
Wollt Jhr wissen, was sonst noch
Deutsches kam, gesehen wurde und
siegte? ‚Die lustige Witwe‘!
Frank Freund
Es wird wieder einmal für nötig ge
=
halten. Und wieder ist es ein
deutscher Dramatiker, dessen gepreßtes
Herz sich in dem Goetheschen Ruf
wider den Rezensenten Luft macht. Er
glaubt sich dabei grundlegend von dem
seligen Sudermann zu unterscheiden,
Herr Herbert Eulenberg. Aber er irrt
sich. Er ist weder sachlicher in seinen
Motiven noch zwingender in seinen
Gründen und wird infolgedessen noch
erfolgloser bleiben als Sudermann,
weil er die größere Absicht hat. Neben
vielen kleinlichen und unehrlichen
Zwecken hatte jener Vorgänger den
redlichen Wunsch, den kritischen Ton
in Deutschland zu verbessern. So un
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erheblich auch das für das ganze Pro
=
blem der Kritik ist: es ist nicht zu
leugnen, daß dieser Ton sich gebessert
hat, und vielleicht nicht blos post hoc,
sondern zum Teil sogar propter hoc.
Eulenberg will weit höher hinaus. Er
will den Wert der Kritik in und an
sich selbst bestreiten. Er will das lächer
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liche Sphinxrätsel ihrer Macht lösen,
um sie zu zwingen, sich selbst in den
Abgrund des Komischen zu stürzen, in
den sie bisher ihre Opfer hinein
=
geworfen hat ...
Aber wie denn? Eulenbergs Artikel
— der in der neunten Nummer des
‚Morgen‘ erschienen ist — heißt: ‚Über
Eulenberg stellt zunächst fest, daß
die Kritik als Beruf ein jämmerlich
leichtes Gewerbe ist. „Daß es schwerer
ist, eine Stanze als eine Kritik zu
schreiben, weiß jeder, der je beides
versucht hat.“ Dieser Satz klingt wie
eine trotzige Antwort an denjenigen
von uns dreien, der nach dem ‚Ritter
Blaubart‘ behauptet hatte: „Es ist
nicht schwer, so ein Stück zu schreiben.
Jch verpflichte mich, dergleichen auf
Kommando in einem Monat zu tun.“
Das war von Kerr ein Witz. Denn
selbstverständlich ist es für ihn nicht
etwa blos namenlos schwer, sondern
ganz unmöglich, ein Stück wie den
‚Blaubart‘ zu schreiben. Seine ein
=
zige bekanntgewordene Dichtung, die
Novelle ‚Ernst Huttens Werbung‘,
ist der reinste Kitsch. Hardens ‚Bolero‘,
gleichfalls eine ‚Novelle‘, ist Makulatur,
und wie die Stanze ausgefallen ist, die
ich auf Eulenbergs Anregung zu reimen
versucht habe, das ahnt ihr nicht. Aber
im Ernst: Wie kann man einen solchen
Satz niederschreiben, wie kann man
ihn stehen lassen! Die ‚Leichtigkeit‘ als
Maßstab! Jch schäme mich fast, Eulen
=
berg zu erwidern, daß unter Um
=
ständen ein Stümper drei Jahre auf
einen Schund und ein Götterliebling
eine Stunde auf ein Meisterwerk ver
=
wendet. Daß es kein Einwand gegen
einen Bildhauer ist, wenn er eine Violine
nach dem Nutzwert des Holzes be
=
urteilt, und daß ein schlechter Vers
=
schmied nicht immer ein schlechter
Theaterkritiker sein muß. Aber ab
=
gesehen davon, daß Eulenbergs Ein
=
wand überhaupt kein Einwand ist,
ist sein Jnhalt gar nicht wahr. Es
ist nichts weniger denn „unsäglich
leicht, die Kritik als Beruf zu treiben“.
Es ist höllisch schwer. Es setzt eine
Bildung sowohl wie ein Verant
=
wortungsgefühl voraus, die bei der
Mehrzahl der zeitgenössischen Dra
matiker nicht zu finden sind, und es
verlangt in jedem ernsten Falle eine
innere Konzentration, die Herbert
Eulenberg nur einmal einem Drama
zugute kommen zu lassen brauchte,
um als ein ganz andrer Faktor der
deutschen Literatur dazustehen. Hat
er aber weiter nichts sagen wollen
— und bei seiner durchgehenden Ver
=
wechslung von Kritik und Reportage
ist das durchaus nicht ausgeschlossen
— als daß es unsäglich leicht ist,
nach einer Theatervorstellung die Fabel
des Stückes schief anzugeben und die
Darstellung mit ein paar verbrauchten
Phrasen abzutun, hat ihn diese Tat
=
sache zu einer Abhandlung über den
Unwert der Kritik angeregt, dann ver
=
stehe ich eigentlich nicht, warum er
uns noch nicht in einer Broschüre mit
=
geteilt hat, daß das Wasser naß und
zweimal zwei gleich vier ist.
Auf den Vorwurf der Leichtigkeit
folgt der Vorwurf der ‚Nutzlosigkeit‘.
Denn: „Kadelburg lacht bei Empfang
seiner Monatsabrechnung über jede
Kritik, und Sardou in seiner Villa
und die seines Geschlechts und Ge
=
wissens tun das Gleiche. Die wütendste
Philippika gegen das ‚Husarenfieber‘
mindert die Tantiemen der Verfasser
um keinen Pfennig“. Darum ist „die
ganze Kunstrichterei nutzlos“. Jst
Eulenberg nun wirklich von so konfusem
Hirn und von so engem Horizont oder
verstellt er sich blos? Er steht dem
praktischen Theaterbetrieb denn doch
nicht fern genug, um nicht wissen zu
müssen, daß kein Kritiker über das
‚Husarenfieber‘ schreibt, und daß kein
Reporter gegen das ‚Husarenfieber‘
wüten darf. Aber dem praktischen
Zeitungsbetrieb steht er weltenfern,
wenn er bona fide die Legende
weitergibt, daß die Chefredakteure
und Verleger ihre Rezensenten zum
‚Verreißen‘ anstacheln. Du lieber
Himmel! Wofern der Rezensent ein
Reporter ist, wird er umgekehrt zur
christlichsten Sanftmut ermahnt und
gezwungen, weil eine Tageszeitung
von den Jnserenten, nicht von den
Abonnenten erhalten wird, und weil
sogenannte Verrohtheit vielleicht die
Leser erfreuen, sicherlich aber die Jn
=
serenten verscheuchen würde. Wofern
der Rezensent ein Kritiker ist, wird
wiederum eine solche Beeinflussung
selten versucht, niemals erduldet
werden. Denn ein Kritiker gibt sich
nicht dazu her, die Geschäfte irgend
welcher Kunstkrämer zu besorgen.
Ein Kritiker hat nicht die geringste
Begierde, die Tantiemen der Stücke
=
fabrikanten zu schmälern. Ja, ein
Kritiker hat nicht einmal die Auf
=
gabe, seine Leser zu belehren und zu
erziehen. „Der rechte Kritiker“ —
Karl Scheffler hat das wunderschön
ausgesprochen — „hat vorderhand
mit dem Publikum gar nichts und
mit den Werken der Künstler nur in
der Weise zu tun, wie der Maler
mit den Objekten der Natur. Er
hat eine Erkenntnisarbeit zu ver
=
richten, die genau so voraussetzungs
=
los und mit Bezug auf irgend welche
profanen Jnteressen zwecklos ist, wie
die Arbeit des Künstlers oder Histo
=
rikers. Dieser Arbeit gibt er sich hin,
weil sie ihm Drang ist; ‚und ist es
Drang, so ists auch Pflicht‘. Der
Kritiker will sich selbst und in sich
selbst die Welt begreifen, indem er
die Naturgeschichte der Kunstwerke,
ihre Wirkung und deren Gesetzmäßig
=
keit erforscht. Sein Weg führt vom
Jrrtum zur Erkenntnis.“
Das tut er eben nicht, erwidert
Eulenberg. Dies ist sein drittes Ar
=
gument gegen die Kritik: sie bleibt
beim Jrrtum stehen, ist also nicht
blos nutzlos, sondern geradezu schäd
=
lich. Auch hier wird in sinnloser
Uebertreibung der Jnstitution der
Kritik aufgebürdet, was jezuweilen
ein paar zufällige Kritiker verschul
=
det haben. Eulenberg stellt es wahr
haftig so dar, als sei es eine
immanente Eigenschaft der Kritik,
zu irren. Schließlich wundert man
sich ja über nichts mehr bei einem
Schriftsteller, der es als die Komik
— wörtlich: als die Komik — der Kritik
bezeichnet, du lendemain zu sein, der
es den großen Ästhetikern verübelt,
daß sie wie die Marodeure — wörtlich:
wie die Marodeure — inter den großen
Dichtern kommen. So befähigt ist unser
Feind, das Wesen einer Sache von der
Unzulänglichkeit der menschlichen Natur
zu unterscheiden. Was er vorschlägt,
etwa die Kritiken über Jbsens deutsche
Anfänge zusammenzustellen, das ist ja
bereits geschehen. Aber man müßte
gröblich fälschen, wenn man, nach
Eulenbergs Wunsch, mit einer solchen
Zusammenstellung die berufsmäßige
Kritik zusammenschlagen wollte. Den
Jbsentötern Frenzel, Lindau und
Blumenthal stehen fast zur gleichen
Zeit die Jbsenversteher Mauthner,
Brahm und Schlenther gegenüber.
Diese beiden Gruppen hat es immer
gegeben. Ungünstigsten Falles haben
die Vertreter der zweiten Gruppe im
Dunkel der Unbekanntheit ein macht
=
loses Dasein geführt. Aber was be
=
weist das für den ‚Unwert der Kritik‘?
Auch heute besteht ein Mißverhältnis
zwischen der Bedeutung manches
Kritikers und seiner Publizität. Und
doch wäre es der Kritik keiner frühern
Zeit möglich gewesen, einem Dichter
von der bloßen Zukünftigkeit Herbert
Eulenbergs eine Gemeinde und die
maßgebenden Bühnen zu erobern.
Dieser Dramatiker lebt vorläufig nicht
von dem, was er bar bezahlt, sondern
von dem Kredit, den wir ihm ver
=
schafft haben. Daß er das nicht selber
fühlt, zeugt von einem Mangel an
Selbstkritik, den zu beseitigen ihm
näher liegen sollte, als an der ‚Kritik‘
eine ebenso uneinsichtige wie taktlose
Kritik zu üben.
S. J.
Verantwortlich für die Redaktion: Siegfried Jacobsohn, Berlin SW. 19
Verlag von Oesterheld & Co., Berlin W. 15 — Druck von Jmberg & Lefson, Berlin W. 9